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Gerhard Schmid: Ein Leben nach Mobilcom

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Der Schwache gegen den Mächtigen, der Underdog gegen den Monopolisten: Aus diesem Stoff ist die Geschichte der Mobilcom AG aus Büdelsdorf gemacht.

Gerhard Schmid hat das Unternehmen 1991 aus der Taufe gehoben - mit seinem Privatvermögen, einer Sekretärin und einer Mobilfunklizenz.

Bald darauf sollte sich die Mobilcom AG unvergessen machen - indem sie am 10. März 1997 das erste Unternehmen am berühmt-berüchtigten Neuen Markt wurde.

Nun, weitere 20 Jahre später, traf boerse.ARD.de den ehemaligen New Economy-Star Gerhard Schmid in Hamburg. 







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Ein eleganter Mantel, um den Hals einen lila Schal: Gerhard Schmid betritt das "Mindspace" am Hamburger Rödingsmarkt. Eine Start-up-Schmiede - nicht mal einen Kilometer vom bekannten "Michel" entfernt. Nicht ohne Grund hat Schmid diesen Ort als Treffpunkt vorgeschlagen.

Seine Frau habe ihn hergefahren, erzählt der 65-Jährige dann. Seit 2014 ist er wieder verheiratet. Wie lange das Interview übrigens dauern werde? Er habe angekündigt, dass er mittags wieder zu Hause sein wird. Dann schmunzelt er. 

Danach spricht Schmid über Hamburg. Er wohnt auf der Elbchaussee, die Stadt gefällt ihm. Später wird er hinzufügen, dass er seit acht Jahren hier lebt. Schmid wird verraten, welchen Geschäften er heute nachgeht. Und er wird von früher erzählen - von seinem Unternehmen Mobilcom. 





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Bis Anfang der 90er wurde die Telekommunikationsbranche von einem Unternehmen beherrscht: Der Telekom. Weit und breit war kein Wettbewerber zu sehen.

Bis Schmid 1991 Mobilcom gründete.

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Doch Schmid hatte das Potential erkannt: Er kaufte Verbindungsminuten en masse und gab sie zu eigenen Konditionen an seine Kunden weiter.
Die Gewinnmargen waren groß, Schmid konnte den Preis der Telekom unterbieten. Mit der Vorwahl "01019" profilierte sich Mobilcom sodann als Preisbrecher. 

Schon bald entflammte eine Marketing-Schlacht: Der Kleine aus Büdelsdorf griff den Riesen an. "Die Bekanntheit, die wir erlangt haben, haben wir nur durch diese Geschichte bekommen. Gott sei Dank hatten wir damals unseren Mitspieler, die Telekom."




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Doch Schmid ging noch weiter: Er wollte an den "Neuen Markt". Das berühmt-berüchtigte Börsensegment sollte jungen Unternehmen eine Möglichkeit bieten, sich über einen IPO Kapital zu verschaffen.  

Der 10. März 1997 - an diesem Tag war es soweit: Die Mobilcom AG ging an die Börse. Sogar als erstes Unternehmen am "Neuen Markt" - neben der Bertrandt AG. 

Es war allerdings gar nicht so leicht für Schmid, eine Bank zu finden, die Mobilcoms Börsengang begleiten wollte:

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Doch von seinem Zusammenbruch war der Neue Markt zu Mobilcoms Glanzzeiten noch weit entfernt.

Beim Börsengang 1997 lag die Preisspanne der Mobilcom-Aktie zwischen 27 und 32 Euro. Drei Jahre später war der Wert auf stolze 199 Euro geklettert.

Dabei handelte es sich nicht mal mehr um den Preis der Ursprungsaktie - denn die hatte man zwischenzeitlich gesplittet: Aus einem Anteilsschein waren vier geworden. Die Börse jubelte.

Doch Schmid erinnert sich, dass er von all der Euphorie gar nichts mitbekam:

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1998, ein Jahr nach dem Börsengang. Mobilcom versuchte als erstes Unternehmen in Deutschland, eine Flatrate für Internet und Telefon zu etablieren.

Doch Mobilcoms Versuch scheiterte - vorerst. Dennoch sah Schmid das Potential: Er will ins Internetgeschäft einsteigen.
1999 wird die Freenet AG gegründet. Auch dieses Unternehmen brachte Schmid an die Börse. Das Flatrate-Angebot schaffte es ebenfalls auf den Markt. 

Neben den Internet-Aktivitäten lief auch das Kerngeschäft der Mobilcom rund: 

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Gerhard Schmid war Geschäftsmann. Kein Wunder also, dass er es nicht einsah, der Telekom einen Großteil seines Umsatzes abzugeben. 

Doch wie ein eigenes Netz aufbauen? Ein so kostenintensives Unterfangen konnte die Mobilcom nicht alleine stemmen. 

Im Jahr 2000 bot sich dann die Chance. Ein neuer Kommunikationsstandard sollte sich etablieren: UMTS. Er ermöglichte, größere Datenpakete zu verschicken - auch mobil.
 
Doch es gab eine Hürde, um in den Markt einsteigen zu können: Man brauchte eine Lizenz. Im Sommer 2000 wollte die Bundesnetzagentur bzw. ihre Vorgänger-Behörde die Genehmigungen bei einer Auktion unter den Hammer bringen.







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Um mitbieten zu können, brauchte Mobilcom das nötige Kapital. Und nicht nur das: Die Büdelsdorfer hatten keine Erfahrung im Netzaufbau. "Uns fehlte das Know How", erklärt Schmid heute. 

Also suchte man sich einen Partner, der die nötige Erfahrung und das nötige Geld mitbringt. Den fand Mobilcom dann in Frankreich: Der Staatskonzern "France Télécom" erfüllte die Voraussetzungen und wollte den deutschen Markt erobern. 

Somit wurde ein Kooperationsvertrag zwischen den beiden Unternehmen geschlossen...

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Sieben Unternehmen beteiligten sich an der Auktion der UMTS-Lizenzen. Schmid schockte die Konkurrenz mit einem deftigen Gebot, die Summen stiegen.

Darüber freute sich einer besonders: Der damalige Finanzminister Hans Eichel. 

Er erfand gar eine neue Umschreibung für den Begriff UMTS: Aus "Universal Mobile Telecommunications System" wurde "Unerwartete Mehreinnahmen zur Tilgung von Staatsschulden."

Mobilcom und France Télécom legten acht Milliarden Euro für ihre Lizenz auf den Tisch. Heute erklärt Schmid: "UMTS war nie ein Thema für uns. Unser Thema war: Wir wollen unser eigenes Netz."

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France Télécom wollte die Kosten für die Lizenz sowie weitere 10 Milliarden Euro für den Netzaufbau übernehmen - eine Garantie habe er dafür bekommen, erklärt Schmid. Handschriftlich und auf Deutsch verfasst vom damaligen FT-Chef Michel Bon.

"Aber France Télécom hat ja nicht nur bei uns so gewirtschaftet. Sondern auch woanders." Nämlich in Großbritannien: Die Franzosen übernahmen dort fast zeitgleich den Anbieter Orange.

Doch bald sei ihnen von ihrer Bank auf die Finger geklopft worden, erzählt Schmid: Die Kennzahlen und Bedingungen, die im Rahmen der Kreditverhandlungen vereinbart worden wären, hätte France Télécom nicht mehr erfüllen können.
 
Der französische Konzern kämpfte bald mit einer hohen Schuldenlast, von mindestens 60 Milliarden Euro ist die Rede.




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Die Franzosen wollten also langsamer bauen, Schmid nicht. Beide Parteien wurden sich nicht einig, ein Kampf begann. 

Die Aktie litt unter der öffentlichen Schlammschlacht. Hinzu kam, dass sich UMTS nicht erfolgreich am Markt etablieren kontnte. 

Schlussendlich kündigten die Franzosen am 11. Juni 2002 den Kooperationsvertrag. Sie sahen dafür gute Gründe.

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Der Vorwurf des Vertragsbruchs sei Öffentlichkeitsarbeit gewesen, erklärt der 65-Jährige heute. 

Damals fordern die Franzosen zudem, dass Schmid seinen Hut nimmt - ansonsten würden sie ihre Zahlungen an Mobilcom sofort einstellen. 

Und so kam es: Keine zwei Wochen nach Kündigung des Kooperationsvertrags musste der gebürtige Bayer dann sein Unternehmen verlassen. Ihm wurde auf der Hauptversammlung die Entlastung durch die Aktionäre verweigert.

Der Aufsichtsrat berief Gerhard Schmid daraufhin ab. Die Franzosen verlangten, dass Schmid seine Mobilcom-Aktien an einen Treuhänder abgibt.

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Bald darauf stimmte France Télécom einem Vergleich zu. Die Franzosen übernahmen sieben Milliarden Euro der Mobilcom-Schulden. Die Büdelsdorfer sollten sich indes aus allen UMTS-Aktivitäten zurück ziehen.

Mobilcom kann gerettet werden. Allerdings gingen fast die Hälfte der über 5.000 Arbeitsplätze verloren.

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Gerhard Schmid meldete im Februar 2003 Privatinsolvenz an. 
Zukünftig sollte der Mobilcom-Gründer viele Tage vor Gericht verbringen - weil er klagte oder verklagt wurde.

Die Verfahren gegen ihn seien mittlerweile alle eingestellt, erzählt Schmid. 2015 habe er sich von dem letzten Vorwurf "freischwimmen" können. 

Mit diesem Kapitel seines Lebens habe er mittlerweile abgeschlossen, erklärt der 65-Jährige dann. 
Zeit, ein neues aufzuschlagen.


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2016 hat Gerhard Schmid erneut den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. 

Er ist seit Mitte vergangenen Jahres als Berater tätig. In erster Linie kümmert Schmid sich um Start-ups, die sich ihren Weg in den Markt bahnen wollen. 

Die Idee für seine heutige Tätigkeit kam nicht nicht von ungefähr, erzählt der 65-Jährige: 

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Schmid ist vor allem in Hamburg, Köln, München und Berlin unterwegs. 

Zwei Projekte, die Schmid betreut, sollen bald an den Markt gehen: Ein Fintech-Unternehmen und ein Dienstleister für LED-Beleuchtung. 

Es gebe drei Möglichkeiten, wie Schmid heute einen Tag verbringt:


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Seine frühere Leidenschaft verfolgt er nicht mehr: Vor 15 Jahren habe Schmid das letzten Mal Eishockey gespielt - und da auch nur, um zu beweisen, dass "es noch geht".

Heute joggt er lieber durch Hamburg. Bis vor Kurzem hat er dieses Hobby auch noch exzessiver betrieben, verrät er:


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Man kann Gerhard Schmid wohl kaum nachsagen, dass er ein durchschnittliches, gutbürgerliches Leben führe.

Um sein Unternehmen an die Spitze zu führen, gab er die schillernde Persönlichkeit und den bissigen Underdog. Er hat selbst zugeschnappt, wurde aber auch gebissen.

Schmid stand in der Öffentlichkeit. Sein Auftreten sei Marketing gewesen, erklärt er. Doch wie beschreibt Gerhard Schmid sich selbst?


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Heute ist Schmid froh, nicht mehr in der Telekommunikation beheimatet zu sein. Die Branche sei sehr fordernd - wahrscheinlich mehr, als sie es damals war. 

Außerdem ist das Nischendasein des Marktes beendet. "Mein Interesse ist, neue Geschäfte zu entwickeln", erklärt Schmid. "So einen großen Dampfer zu optimieren - das ist nicht mein Ding."








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... ist eine Multimedia-Reportage von boerse.ARD.de

Redaktion: Burghard Schnödewind
Autorin: Claudia Wiggenbröker
Videos: Marc Brockmöller, Julian Herbst
Fotos: Julian Herbst, Martin Brandt
Quellen: picture alliance/dpa, Colourbox, Bildfunk Katja Lenz


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