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Der Schneeballkönig ist wieder da

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Medien bezeichneten ihn als "Schneeballkönig" - denn sein Betrugssystem war verschachtelt, kompliziert, modifiziert.  
Er prellte über 5.000 Kleinanleger und mehrere Großbanken, wurde deshalb zu fast elf Jahren Gefängnis verurteilt.
Nun ist es soweit: Der Rest von Helmut Kieners Freiheitsstrafe wurde auf Bewährung ausgesetzt. Im Gespräch mit boerse.ARD.de verriet der 57-Jährige, was er mit seiner Zeit anfangen will – und wie er heute auf die Vergangenheit zurück blickt.

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Es ist ein grauer Tag. Helmut Kiener betritt die Anwaltskanzlei in der Würzburger Innenstadt. Er trägt dunkle Jeans, dazu ein weißes Hemd mit bunten Aufdrucken - ein bisschen wie aus einer anderen Zeit. Zwei Männer begleiten ihn, zukünftige Geschäftspartner, wie Kiener später erklärt. Sie machen es sich in einer kleinen Sitzecke bequem, während er mit seinem Anwalt in einem großzügigen, gläsernen Sitzungsraum Platz nimmt. 

Kiener ist damals Freigänger, darf am Wochenende das Gefängnis in Bayreuth verlassen und nach Hause zu seiner Frau in Aschaffenburg fahren. Die Zeit vor seinen Haftlockerungen war auch für seine Ehe nicht leicht, wie der gebürtige Bayer erzählt.

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Zum Zeitpunkt des Interviews hat Kiener sechs Jahre seiner Strafe bereits verbüßt. Der Mann, der in Fulda und Frankfurt a.M. Soziologie und Psychologie studiert hat, beflog mit seinem Privatjet die Welt, besaß eine Luxusvilla in Miami. Spielte Golf, traf Promis wie Beckenbauer und gesellschaftliche Größen wie den Papst. Sein Luxusleben habe Kiener im Gefängnis dennoch nicht vermisst.



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Seine Tage im Gefängnis verbringt er unter anderem mit Sport und Schlafen. „Ich habe ja viel Zeit“, erklärt der 57-Jährige. Knapp zwei Stunden geht Kiener täglich seiner körperlichen Fitness nach. „Das ist nicht so viel, wie ich draußen gemacht habe. Ich kann das nicht ganz zwei Stunden machen, aber ich komme doch wenigstens zum Fußballspielen, Tischtennisspielen und Laufen im Hofgang.“
In der ersten Zeit seiner Haft habe er auch gearbeitet. In mehreren Betrieben der Anstalt, unter anderem in der Wäscherei - eine große Umstellung, wie Kiener erzählt.

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Auch ansonsten kann Helmut Kiener der Haft positive Seiten abgewinnen – er hatte Zeit, um zu reflektieren. Zu reflektieren, dass er wegen zehnfachen schweren Betrugs, Urkundenfälschung und Steuerhinterziehung verurteilt wurde. Etwa 300 Millionen Euro soll er ergaunert haben. Eine „Art Selbstüberschätzung“, wie Kiener erklärt.

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Das Gericht konnte Helmut Kiener, der bereits in den 1990er im Finanzwesen tätig war, nichts Gegenteiliges nachweisen.

„Das Urteil stellt fest, dass (…) seit 2006 in den Prospekten behauptet wurde, dass die jeweiligen Fondsgesellschaften seit 2002 eine jährliche Gewinnsteigerung von 10% hätten“, so Rechtsanwalt Klaus Nieding. Seine Kanzlei gehört zu einem Bündnis, das nach eigenen Angaben mehr als 100 Geschädigte im Fall Kiener vertritt.

„Tatsächlich hatten die Fonds in der Vergangenheit Verluste in einem solchen Ausmaß erwirtschaftet, dass eine Rückzahlung von (…) Einlagen bzw. die Auszahlung von Gewinnen (…) nur durch eingehende Neuanlagen möglich war - also ein Schneeballsystem vorlag.“

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Mit dem Begriff „Schneeballsystem“ lässt der 57-jährige Kiener seine Masche dennoch nicht gerne bezeichnen. „Wenn ich das Wort Schneeballsystem immer höre, ist das für mich schon ein rotes Tuch.“ Dennoch leugnet er nicht, dass es bei seinem Anlagesystem einen Schneeballeffekt gegeben hat:

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Stattdessen nutzte Kiener das Geld von 5.000 Kleinanlegern für seinen eigenen, aufwendigen Lebensstil – indem er die Summen über ein kompliziertes Firmengeflecht und Mittelsmännern in seine eigene Tasche lenkte. Erträge aus den Fonds flossen an die alten Anleger, wenn neue Opfer ihr Geld in das System brachten. In seine ehemaligen Kunden möchte Helmut Kiener sich nur ungern hineinversetzen. 

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Doch eigentlich, so Kiener, dürften seine ehemaligen Anleger ihn gar nicht kennen  - sondern nur seine Mittelsmänner, die den Opfer die Anlagen anboten. Kieners Vertriebsleute kassierten dafür hohe Provisionen. Und sie sind eigentlich die, die bei den Kleinanlegern bekannt sind, so Kiener. 

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Kiener schaffte nicht nur, private Anleger zu überzeugen - sondern auch mehrere Großbanken wie Barclays und BNP Paribas. Er bekam von den Kreditinstituten mehrere Darlehen eingeräumt. Durch sein Fachwissen hatte Kiener blenden können - und mit einer gefälschten Wirtschaftsprüfung. 

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Der von Kiener angesprochene Prüfer, der selber verurteilt wurde, war allerdings kein Wirtschaftsprüfer, sondern Steuerberater. Er hat Testate zu Gunsten von Kiener abgegeben und dabei Briefbögen verwendet, zu deren Verwendung er nicht befugt war. Er wurde deshalb wegen Beihilfe zum Betrug verurteilt – zu fünf Jahren und sechs Monaten.

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Auch die renommierte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Price Waterhouse Coopers hat Kieners Bücher kontrolliert - ein Vorteil für den Bayer. „PWC hat das bestehende Mandat mit Kiener gekündigt, da Kiener mit PWC geworben hat, ohne Rücksprache hierzu mit PWC zu halten (…) Es ist nicht ersichtlich, dass PWC selbst Fehler gemacht hätte bei den Prüfungen“, erklärt Klaus Nieding. 

 „Generell kann man sagen: Ein Wirtschaftsprüfer ist kein Oberstaatsanwalt. Wenn der Täter genug kriminelle Energie hat, wird er versuchen, den Wirtschaftsprüfer zu täuschen. Und wenn er das gut macht, dann hat der Wirtschaftsprüfer wenig Chancen“, so Rechtsanwalt Nieding.

Neben dem Fachwissen und den Urkunden machte noch eine weitere Tatsache Kieners Betrug möglich.





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Im Jahr 2001 witterte die BaFin bereits unseriöse Machenschaften. Sie untersagte "Herrn Helmut Kiener in Aschaffenburg, die Finanzportfolioverwaltung weiter unerlaubt zu erbringen". Kiener sieht darin allerdings eine reine Vorsichtsmaßnahme der Finanzdienstleistungsaufsicht:

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Rechtsanwalt Klaus Nieding ist da anderer Ansicht als Kiener: „Die Gesellschaftsform ist nicht das Entscheidende - sondern ob man die behördlichen Anforderungen erfüllt. Wenn man eine behördliche Erlaubnis hat, dann geht die Bafin nicht gegen einen vor.“

Dass er seinen Firmensitz auf die Virgin Islands nahe Puerto Rico verlagerte, habe laut Helmut Kiener ebenfalls nichts zu bedeuten gehabt: „Das ist normal. Alle internationalen Hedgefonds sitzen entweder auf den Cayman Islands oder den British Virgin Islands.“ Der Umzug sei keine Maßnahme gewesen, um Gelder „beiseite zu schaffen“.

Klaus Nieding gibt Kiener recht: „Das ist nicht ungewöhnlich, das stimmt schon. Ungewöhnlich ist, dass Kieners Hedgefonds kein funktionierender Hedgefonds war.“
 
Kein funktionierender Hedgefonds – sondern eine Maschinerie, mit der Helmut Kiener sich immer weiter bereicherte. Doch warum zog er nicht irgendwann die Reißleine?


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Nie mehr werde er so etwas machen, schwört Kiener. Dennoch glaubt er, dass sein System heute wieder funktionieren würde – wenn es keine Finanzkrise wie die im Jahr 2008 gibt:

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Im Herbst 2009 wurde Helmut Kiener verhaftet. Das Geld auf seinen Konten sei konfisziert worden. „Man muss sich ja nicht einbilden, dass man irgendwelche Gelder verschieben kann. Wir haben ja nicht mit Bargeld gearbeitet. Der ganze Geldtransfer von den Konten war nachvollziehbar“, erklärt der Bayer. Alle Länder hätten kooperiert: die Schweiz, Liechtenstein, Amerika. „Da werden alle Konten zugemacht, dann ist kein Geld mehr da.“

Sein Haus in Aschaffenburg besitzt der 57-Jährige immer noch – beziehungsweise seine Frau. Helmut Kiener selbst erklärt, er könne auf das Haus verzichten, um die Anleger zu entschädigen: „Aber sagen Sie das mal meiner Frau. Sie ist der Meinung, sie hat viel in mich investiert und in meine Ausbildung. (…) "

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Für seine Zukunft habe er noch keine 100%igen Pläne, verrät Helmut Kiener. Arbeitsangebote gebe es aber bereits, Kontakte hat er vom Gefängnis aus geknüpft.

Einer von Kieners ehemaligen Vertriebsmännern sei auf ihn zugekommen und habe ihm eine Anstellung vorgeschlagen – in der Marketingfirma seines Sohnes. „Während meinen Ausgängen hat sich das verfestigt, ich war schon in der Firma. Man holt mich auf immer mal wieder ab, um Sachen zu besprechen. Heute auch wieder.“

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Helmut Kiener möchte mit dem Geld seine ehemaligen Anleger entschädigen, erklärt er .„Mit Einkünften aus einer neuer Tätigkeit. Das will ich versuchen“, bekräftigt er. 
Das dürfte bei einer Summe, die auf 300 Millionen Euro geschätzt wird, allerdings nicht allzu einfach werden.

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... ist eine Multimedia-Reportage von boerse.ARD.de.

Autor: Claudia Wiggenbröker
Redaktion: Burghard Schnödewind
Fotos/Videos/Schnitt: Julian Herbst, Martin Brandt

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