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Nonnen an der Börse

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Klöster sind Orte der Ruhe, der inneren Einkehr, der Besinnlichkeit, der Abgeschiedenheit und der Gottsuche. Hier wird gebetet, gearbeitet und gelesen. "Ora et labora et leges."

Das ist auch in der Abtei Mariendonk nicht anders. Ungewöhnlich ist aber, wie die Benediktinerinnen das Geld des Klosters anlegen, denn sie sind an der Börse aktiv.

Eine Multimedia-Reportage von Julian Herbst und Florian Wurster.

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Die Abtei Mariendonk gehört nicht zu einem Bistum, sondern ist selbstständig. Für die heute 30 Schwestern bedeutet dies, dass der Lebensunterhalt selbst verdient werden muss. Deshalb wird im Kloster auch fast das ganze Jahr über gearbeitet. Nur in den "Klosterferien" haben die Nonnen "frei". Die Ferien sehen natürlich etwas anders aus als bei "Otto Normalurlauber", denn auch diese zwei Wochen verbringen alle Nonnen zusammen im Kloster. Allerdings ruht in dieser Zeit die Arbeit.

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Im Kloster gibt es eine Schneiderei, eine Stickerei, eine Weberei und ein Kerzenatelier. 2008 wurde die Hostien-Bäckerei eingestellt. Nun wird im Kloster Kreitz gebacken und in Mariendonk sortiert, verpackt und verschickt. Im Klosterladen werden Meßgewänder, Stolen, Dalmatiken, Fahnen, Kerzen, Karten, kleinere Geschenkartikel und Bücher verkauft.

Eine weitere Einnahmequelle ist die wissenschaftliche Arbeit, die von Stiftungen bezahlt wird. Außerdem ist das Kloster natürlich seelsorglich tätig und heißt Gäste willkommen, die eine Zeit der Ruhe und Besinnung suchen. Hier steht allerdings die Gastfreundschaft im Vordergrund. Für 48,- Euro gibt es ein Einzelzimmer mit eigenem Bad, Frühstücksbüffet, Mittag- und Abendessen.

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Große Sprünge sind da finanziell nicht möglich. Das Kloster ist auf Spenden angewiesen. So hat etwa die "Aktion Mensch" beim barrierefreien Umbau geholfen. Mit der örtlichen Tafel tauscht das Kloster Lebensmittel.

Wer der Abtei beitritt, der vermacht sein ganzes Vermögen dem Kloster. Reich wird Mariendonk dadurch aber auch nicht, denn derzeit gibt es nur eine Novizin, die sich in der sechsjährigen "Ausbildung zur Nonne" befindet.

In den 90er Jahren war bereits absehbar, dass die Abtei die Landwirtschaft nicht aufrecht erhalten konnte. Durch Verkauf und Verpachtung der Maschinen, Ländereien und Milchquoten kam aber eine ordentliche Summe zusammen. Nun stand das Kloster vor der Frage, was damit geschehen sollte.

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Seit den 90er Jahren haben sich aber natürlich nicht nur die Abtei verändert, sondern auch die Anlagemöglichkeiten. Während es früher fast zehn Prozent für Festgeld gab, bekommt man heute dafür nur noch einen Bruchteil.

Auch das Kloster muss also bei der Geldanlage heute aktiver sein als früher. Die fest angelegten Gelder werden frei und die alten Konditionen kann keine Bank mehr bieten. Liobas Vorgängerin als Cellerarin, Schwester Judith, hatte vor allem langfristig in Rentenpapiere und Festgeld investiert.

Das ist nicht mehr attraktiv. Wie also investiert das Kloster heute?

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Schwester Lioba war Traumatherapeutin und wollte ursprünglich nur ein Jahr Auszeit von ihrer Arbeit nehmen, blieb dann aber im Kloster, wurde Nonne und ist heute als Cellerarin für die Finanzen der Abtei zuständig.

Vorher hatte sie mit Aktien und Börse nichts zu tun und musste sich erst in die neue Materie einarbeiten, lernen, wie sich das ersparte Geld des Klosters in diesen Zeiten renditeträchtig, risikoarm und moralisch vertretbar anlegen lässt.

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Generell ist dem Kloster natürlich eine große Diversifizierung wichtig, auch bei der Auswahl der Fondsgesellschaften. Die Abtei legt aber auch Wert auf Nachhaltigkeit und Sicherheit, möchte Währungsrisiken vermeiden, nur in Euro anlegen. Und natürlich müssen die Investments moralisch mit dem Glauben vereinbar sein.

Die Abtei bevorzugt außerdem ausschüttende Fonds, da die Ausschüttungen für den Unterhalt des Klosters genutzt werden sollen. Wenn man dann noch ein Klumpenrisiko vermeiden will, wird die Auswahl bei neuen Investments zunehmend kleiner und die Suche schwerer. Doch es gibt sie, die "eierlegenden Wollmilchsäue", wie Lioba feststellen durfte...

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Die Anlagekriterien spiegeln sich im Portfolio wider:
(Stand 31.12.2015)

~30 % Aktien
~30% mittelfristige Anleihen (Bank- und Landesbankanleihen), Festgelder (Laufzeiten 2016 - 2022) und Anleihen-ETFs (Deutschland und Europa)
~ 30% langfristige Geldanlagen wie globale Nachhaltigkeits- und Mikrofinanz-Fonds und Immobilienfonds (Deutschland)
~ ca. 5% ETFs (Dax, MDax)
~ca. 5% Liquidität

Das klingt nach viel Geld, aber die Positionen sind eher klein, wie Lioba betont.


Aber welche Performance lässt sich damit erzielen?

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Im turbulenten Börsenjahr 2015 erzielte die Abtei Mariendonk eine Rendite von 2,6 Prozent. Zum Vergleich: Der Dax legte fast zehn Prozent zu. Angesichts der Anlagekriterien ist Cellerarin Lioba aber dennoch zufrieden.

2014 lief es besser. Mit einer Rendite von 4,1 Prozent schnitt die Abtei Mariendonk nur minimal schlechter ab als der deutsche Leitindex (4,31%).

Aber wie vertragen sich Mammon und Moral, das Streben nach Rendite und der Glaube?

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Zusammen mit den beiden Banken und einem unabhängigen Berater entscheidet der Anlagerat (Cellerarin Lioba, eine Mitschwester und die Äbtissin) über die Anlagekriterien. Aber auch ein ausgeklügelter Nachhaltigkeitsfilter ist kein Garant für "saubere Investments", wie Lioba beim Blick in das Portfolio feststellen musste. Da fand sie eine Aktie, die sie dort nicht erwartet hatte...

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Moralische Bedenken sind das eine, finanzielle Erwägungen und notwendige Diversifizierung das andere. Nicht immer lässt sich alles miteinander vereinbaren. Die Abtei muss nicht auf "Teufel komm raus" Geld an der Börse verdienen, muss keine aggressive Anlagepolitik betreiben, keine hohen Renditevorgaben erfüllen.

Aber das Kloster soll für die folgenden Generationen bewahrt werden. Dafür reichen die sinkenden Einnahmen aus Handwerk, Vermietung und wissenschaftlicher Arbeit nicht aus, zumal für immer mehr Aufgaben Angestellte bezahlt werden müssen.

Moralische Vorstellungen lassen sich bei Einzelaktien und verschiedenen Fonds noch halbwegs umsetzten. Aber bei ETFs stoßen die Nonnen an Glaubensgrenzen.

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Geld so an der Börse anlegen, dass Rendite, Risiko und römisch-katholischer Glauben problemlos miteinander vereinbar sind? Das hält man im Kloster Mariendonk kaum für machbar.

Zum Ausgleich wird deshalb auch in Fonds investiert, die als besonders wertvoll erachtet werden, auch wenn die Hausbank davon wenig hält...

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Moral und Glaube einerseits, Rendite und finanzielle Notwendigkeiten andererseits. Für Schwester Lioba und das Kloster ist dies ein schwieriger Spagat. Denn es gibt eben auch eine doppelte Verantwortung: Religion und Umwelt, aber auch dem Kloster und dessen Erhalt gegenüber.

So muss die besitzlose Cellerarin Lioba das Geld der Abtei gewinnbringend anlegen und mehren, ohne dabei die eigenen ethischen Vorstellungen und Werte zu missachten.

Ob ihr das schlaflose Nächte bereitet?

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Die gebürtige Bremerin war als Jugendliche im Bund der Deutschen Katholischen Jugend aktiv und arbeitete viele Jahre als Psychotherapeutin und Traumatherapeutin bei einem Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen.

Mit Anfang 40 wollte sie sich eine einjährige Auszeit nehmen und ging 2004 ins Kloster Mariendonk. Hier fand sie ihren Glauben wieder, von dem sie sich zwischenzeitlich entfremdet hatte. Sie entschied sich, Nonne zu werden und in der Abtei zu bleiben, der sie beim Eintritt all ihr Privatvermögen vermachte.

Eigenes Geld hat sie nun nicht mehr. Aber seit vier Jahren verwaltet Schwester Lioba als Cellerarin die Finanzen des Klosters. Sie wacht über Ein- und Ausgaben, entscheidet über Anschaffungen und die Verwendung von Spenden.

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Wie weltliche Unternehmen, so muss auch die Abtei wirtschaftlich arbeiten. Auch ein Kloster braucht einen Businessplan. Zuständig dafür ist die Cellerarin, eine Art Finanzministerin der Abtei. Für die ehemalige Psychotherapeutin Lioba war das alles Neuland. Sie besuchte Fortbildungen zu Steuerrecht und Buchhaltung, las viel und ließ sich beraten. Auch Gespräche mit ihrer Vorgängerin und Cellerarinnen anderer kontemplativ monastischen Klöster sind dabei hilfreich.

Nun entscheidet sie darüber, was verpachtet wird, was mit den Einnahmen geschieht und wo investiert wird. Aber auch die Ausgaben muss Cellerarin Lioba im Blick behalten. Sie entscheidet auch darüber, wie viele Helfer eingestellt werden, ob das Geld für Bio-Lebensmittel reicht, ob wirklich neue Bücher für die Bibliothek nötig sind oder eine Mitschwester neue Schuhe braucht. Oftmals ist das eine Gratwanderung. Eine zwischen Werten und Wirtschaftlichkeit. Eine, die nicht zur Machtdemonstration missbraucht werden darf, wie Lioba betont.

Aber eigentlich ist sie ja aus einem anderen Grund im Kloster... 

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Das Kloster liegt am Niederrhein zwischen Viersen und Kleve. Heute leben in der Benediktinerinnen-Abtei Mariendonk 30 Nonnen im Alter zwischen 30 und 92 Jahren. Zu Hochzeiten waren es mehr als doppelt so viele.

Doch die Gemeinschaft wird zunehmend älter und schrumpft. Das hat auch die Arbeit der Abtei verändert. Die Landwirtschaft wurde 1993 aufgegeben, Ackerland und Teile der Anlage verpachtet. Geblieben ist der Obst- und Gemüseanbau für den eigenen Bedarf. Viele Arbeiten wurden ausgelagert. Mittlerweile beschäftigt die Abtei 11 Angestellte und ist für einige Handwerksbetriebe aus der Umgebung eine regelmäßige und wichtige Auftraggeberin.

Das hat natürlich auch finanzielle Folgen. Das Kloster ist auf Spenden angewiesen. Unterstützt wird das Kloster durch Pro Mariendonk e.V. und die Heike und Norbert Peters-Stiftung.

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1875 wurden alle Klöster in Preußen aufgelöst, die sich nicht der Krankenpflege widmeten. Die Bonner "Benediktinerinnen von der ewigen Anbetung", die später zu den Gründungsmüttern Mariendonks werden sollten, wanderten deshalb nach Driebergen in Holland aus.

1899 kehrten sie nach Deutschland zurück, als die Geschwister Johanna und Franz Xaver Stieger den Schwestern Grundstück und Geld zum Bau eines Klosters schenkten. Die 23 Schwestern waren anfangs vor allem auf die Landwirtschaft angewiesen.

Am Ende des Ersten Weltkriegs lebten 40 Schwestern im Kloster Mariendonk, das 1948 zur Abtei erhoben wurde. Die Gemeinschaft wuchs auf 70 Nonnen an, wird aber seit Jahrzehnten immer kleiner. 1993 gab die Abtei die Landwirtschaft auf. Heute leben noch 30 Schwestern in Mariendonk.

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Die Nonnen der Abtei leben nach der Regel des heiligen Benedikt (hier links im Bild), der von ca. 480 - 547 n. Chr. in Italien lebte.

Dazu zählen Beständigkeit (lebenslange Gebundenheit an einen Ort), Klausur (Abgeschiedenheit hinter Klostermauern, frei von Ablenkung und Reizüberflutung), Schweigen (auch als Respekt vor der Privatsphäre der anderen), Armut (Verzicht auf jeden Privatbesitz), Gehorsam, Demut und Keuschheit.

Fühlen Sie sich berufen? Hier erfahren SIe es.







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"Nonnen an der Börse" ist eine Multimedia-Reportage von boerse.ARD.de.

Autor: Julian Herbst
Redaktion: Burghard Schnödewind, Florian Wurster
Fotos/Videos/Schnitt: Florian Wurster, Julian Herbst

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