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Einleitung

Ein stattliches Segelschiff, ein sympathischer Kapitän, eine schöne Geschichte. Der deutsche Großsegler "Avontuur" hat, was das Herz begehrt. Presse, Funk und Fernsehen sind begeistert: Ein Segelschiff mit engagierten Leuten, das Fracht klimaneutral transportiert!

Bei näherer Betrachtung wirkt vieles unklar, zweifelhaft und wenig seriös: Das Konzept, der Klimaschutz, die Finanzierung.

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Das Konzept

Ein Kapitän auf großer Fahrt rechnet ab. Cornelius Bockermann bestätigt, was viele zu wissen glauben: Zuviel Handel ist von Übel und Seefracht ist umweltschädlich.

Gegen Containerschiffe mit stinkenden Schweröl-Motoren setzt Bockermann eine Alternative: Auf seinem Segelschiff "Avontuur" wird ökologisch einwandfrei transportiert. 



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NDR-Nordstory: „Abenteuer Frachtsegler“ / 18.3.2016

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Neben der „Avontuur“ gibt es weltweit drei andere Frachtsegler. Diese können ein paar hundert Tonnen Ladung pro Jahr transportieren. Dem stehen elf Milliarden Tonnen gegenüber, die jedes Jahr weltweit auf Seeschiffen bewegt werden.
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Auf Segelschiffe können kaum Container gestellt werden. Die Ware muss ausgepackt, einzeln gestaut und am Ziel wieder verpackt werden.

Bei Frachtseglern mangelt es an Klimatisierung, weshalb Ware schneller verderben kann. Schließlich dauert der Transport drastisch länger. Wetterbedingt gibt es bei Segelschiffen keine festen Ankunftszeiten.
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NDR-Nordstory: „Neue Abenteuer vom Frachtensegler" / 24.8.2018.

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Bockermanns Reederei „Timbercoast“ lässt die „Avontuur“
im Trans-Atlantik-Verkehr fahren. Es ist eine der am dichtest befahrenen und preiswertesten Frachtrouten der Welt.

Schnell stellte sich heraus: Es gibt praktisch keinen Bedarf für einen Frachtsegler. Einzig einige hochpreisige Boutiquen für Kaffee, Schokolade und andere exotische Luxusgüter buchen das Schiff für kleine Mengen. Das Argument, durch Segelfracht dem Klima nützlich zu sein, lässt sich mit fairem Handel und ökologischem Anspruch der zahlungskräftigen Kundschaft verbinden.


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NDR-Nordstory: „Neue Abenteuer vom Frachtensegler" / 24.8.2018.

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Seit klar ist, dass es auch unter wohlmeinenden Alternativbetrieben kaum Nachfrage für einen Frachtsegler gibt, transportiert die „Avontuur“-Reederei „Timbercoast“
auf eigene Rechnung.

In Amerika, den Azoren und den Kanaren werden Genussgüter gekauft, eingeschifft und mit kräftiger Seefahrtsromantik, sanfter Kapitalismuskritik und kernigem Klimaargument für teuer Geld verkauft – im Versandhandel und bei Hafenfesten direkt vom Schiff.
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NDR-Nordstory: „Neue Abenteuer vom Frachtensegler" / 24.8.2018.

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„Unser Avontuur Rum ist Botschafter für sauberen Seetransport“.

Ein halber Liter Botschafter kostet zwischen 39 € und 145 € . Sauberer Seetransport auf schönem Schiff ist das wesentliche Argument für hohe Preise.

Von Anfang an war hoher Umsatz durch zahlende Mitreisende kalkuliert. Ab dem dritten Geschäftsjahr sollten sie dauerhaft mehr Geld in die Kasse bringen als die beworbene ökologisch einwandfreie Fracht.

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Auf Nachfrage erklärt Cornelius Bockermann, bei seinen zahlenden Kunden handele es sich um „Shipmates“. Das bedeutet, dass die Kundschaft an Bord voll mitarbeiten muss. Die Leute sind für die körperliche Arbeit an den Segeln nötig.

Untergebracht werden die „Shipmates“ in einer Gemeinschaftskabine mit zehn Kojen im Vorschiff – Männer und Frauen zusammen, inklusive kalter Dusche und Toilette. Obwohl die Reisen bis nach Kanada und über den Nordatlantik führen, gibt es keine Heizung.

Kapitän, Steuerleute, Maschinist, Koch und Bootsmann wohnen im deutlich nobleren Achterschiff.


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Die aktuelle Karibik-Reise ist ausgebucht.

Am Rande der ausgebuchten Reisen stehen soziale Preise zwischen 25 € und 50 € pro Tag. Das passt nicht zusammen mit den Preisen, die während der Buchungszeit aufgerufen wurden.
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Der Reiseplan der „Avontuur“ sieht aus wie eine touristische Rundfahrt. Eine Zwei-Wochen-Frühjahrstour von Honduras über Mexiko nach Kuba wurde beispielsweise 2018 für 2.899 € angeboten.
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Bockermanns Kalkulation zeigt: Von Anfang ging es
nicht vornehmlich ums Frachtgeschäft.

Es ging darum, möglichst viel zahlende Kunden zu gewinnen. Fürs erste Betriebsjahr waren noch rund 320.000 € Erträge aus Frachttransport kalkuliert, die planmäßig auf 290.000 € sinken sollten. Das Passagiergeschäft hingegen sollte mit 220.000 € Ertrag beginnen und auf 350.000 € steigen.

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Der Klimaschutz

NDR-Nordstory „Neue Abenteuer vom Frachtensegler" / 24.8.2018.

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Viele Frachtschiffe verbrennen stinkendes Schweröl.
Moderne Frachtschiffe sind enorm groß – sie tragen bis 24.000 Container. Auf die Frachtmenge bezogen, fallen klimaschädliche Abgase nicht erheblich ins Gewicht.

Der Deutsche Reederverband behauptet, dass bei Bahnfracht pro Tonnenkilometer 35 Gramm Kohlendioxyd frei werden,
bei Seefracht nur acht Gramm.
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NDR-Nordstory: „Abenteuer Frachtsegler“ / 18.3.2016.

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In der Schifffahrtsbranche und unter Klimapolitikern glaubt kaum jemand daran, dass Welthandel und Weltklima durch Rückgriff auf den Segeltransport des neunzehnten Jahrhunderts beeinflusst werden können.

Versuche früherer Jahre, Brennstoff durch Segel oder senkrechte Tragflächen zu sparen, erwiesen sich als technisch zu aufwendig, zerbrechlich und nicht handhabbar.

Innovative Werften und Reedereien forschen hingegen mit Elektroantrieben und Brennstoffzellen für die Großschifffahrt. Derweil kommt das Geschäft mit nahezu rückstandsfrei verbrennendem Flüssiggas (LNG) bei Schiffen in Schwung.
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Trotz „Mission Zero“ fährt die „Avontuur“ selbst nicht emissionsfrei. Ihr Tank fasst 2.330 Liter Diesel zum Betrieb
von Motor und Generator.

Auf Nachfrage sagt Bockermann, für Fahrten in engen Fahrwassern, für Hafenmanöver und Notfälle würden pro Reise zwischen 1.600 und 2.500 Liter Diesel verbrannt.


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Beim Hamburger Hafengeburtstag 2018 kamen einige Großsegler zusammen. Die „Avontuur“ nahm an dem Hafenfest teil; es wurde geworben und Schnaps verkauft.

Die Hansestadt liegt rund hundert Kilometer von der Nordsee entfernt elbaufwärts.

Im engen Fahrwasser der Elbe müssen Segler unter Maschine fahren – das dauert einen ganzen Tag hoch und einen zurück. Pro Stunde verbrennt der Großsegler "Avontuur" leicht fünfzehn Liter Diesel.
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Viel stärker als der Dieselverbrauch belastet das Geschäft mit den Mitreisenden das Klima: Die zahlenden „Shipmates“ kommen mit Flugzeugen zum und vom Schiff.

Auf Nachfrage schreibt Reeder Bockermann:

„Um unseren ökologischen Fußabdruck … so gering wie möglich zu halten, sind wir bestrebt, unsere Besatzungen über die gesamte Reise nicht zu wechseln. Das ist leider nicht immer möglich, aber gern gesehen. Außerdem wählen viele unserer Shipmates bewusst die Avontuur um z.B. Flüge zu vermeiden. D.h., sie reisen mit uns etwa in die Karibik, weil sie dort in einem Projekt arbeiten wollen, ohne fliegen zu müssen“.
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Das muss man sich erst mal leisten können. Die nächste Reise von Deutschland in die Karibik dauert vier Monate und kostet 5.000 €.

Zudem werden in die Karibik neue Mitreisende zusteigen müssen, wenn sich die bisherigen vor Ort ökologischen Projekten widmen. Die Neulinge müssen eingeflogen werden.
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Offiziell wird verkündet, die Besatzung nicht auszutauschen. Das passt aber nicht zum Geschäft mit den Kurz- und Langzeittörns ab vier Tagen.

Angeblich lässt die „Avontuur“ nur Trainees zu, die mindestens 14 Tage buchen. Nach Hause gelangen die „Shipmates“ je nach Reiseziel des Öko-Seglers mit dem Flugzeug. Kerosinverbrauch inklusive.


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    Die Finanzierung

    NDR-Nordstory: „Neue Abenteuer vom Frachtensegler" / 24.8.2018.

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    Gleich zwei Unternehmen kümmern sich um den Großsegler.

    Das Schiff gehört der „Avontuur Shipping Company Ltd“, einer Briefkastenfirma auf den Seychellen. Betrieben wird der Segler von Bockermanns Reederei „Timbercoast GmbH“ in Elsfleth bei Oldenburg.

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    NDR-Nordstory: „Abenteuer Frachtsegler“/ 18.3.2016.

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    Zunächst hatte Bockermann erklärt, es werde „nur Geld eingesetzt, das ich wirklich habe“. Im Jahr darauf begann er mit reichlich Werbung für fremdes Investment in sein Geschäft.

    Über seine „Avontuur Shipping“ mit Sitz auf den Seychellen sammelte Bockermann fremdes Kapital ein. Versprochen wurden stattliche Renditen.

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    Die Kapitalrendite wurde 2016 mit 0,3 % angesetzt
    und sollte dann schnell auf sieben bis acht Prozent steigen.

    Bei einem Umsatz von rund 650.000 € sollten
    jährlich 140.000 € Gewinn bleiben.
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    Auf Seite 24 des Investorenprospekts der „Avontuur Shipping“ heißt es, Bockermanns Unternehmen hätten 720.000 Euro ausgegeben.

    Nun fehlten noch 630.000 €, die bei Privatleuten eingesammelt werden sollten. Macht in Summe 1.350.000 €.
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    Anfang 2019 schrieb Bockermann hingegen, die Einlage von Timbercoast & Co betrage nur noch 57.000 €.

    Von Privaten seien 1.292.000 € eingesammelt worden.
    Macht in Summe immer noch 1.350.000 €.
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    Offenbar hat sich Bockermann seine ursprüngliche Investition in die „Avontuur“ wieder zurückgezahlt, als genügend Geld von Privatanlegern reingekommen war.

    Das bedeutet: Der Kapitän ist selbst kaum noch am Risiko der „Avontuur“ beteiligt. Darauf angesprochen, sagt Bockermann, das stimme nicht, liefert aber keinen Beleg.
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    Die Investoren mit ihrer „Avontuur Shipping Company“ erhalten nur das Geld der zahlenden „Shipmates“ und
    die Erträge aus dem schlappen Frachtgeschäft.

    Der Eigenhandel mit Schnaps und Luxuswaren gehen vollständig an Bockermanns „Timbercoast“.

    Zusätzlich bekommt „Timbercoast“ jedes Jahr 175.000 € von der „Avontuur Shipping“ („Management-Budget“).
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    Die „Avontuur Shipping“ hat bisher kein einziges Geschäftsjahr ordentlich abgeschlossen.

    „Es wurde lediglich eine regelmäßige Buchführung gemacht“, sagte Kapitän Bockermann.
    "Im Moment suchen wir einen Steuerberater, der uns daraus hoffentlich bald regelkonforme Bilanzen erstellen kann.“ 
     

    –  was auch ein halbes Jahr nach dieser Auskunft nicht gelungen ist.
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    Obwohl Bockermann öffentlich um Investoren geworben hat, stellt er grundlegende kaufmännische Unterlagen (Bilanzen, Konzepte, Risikobericht, Leistungsbilanz) nicht zur Verfügung.
    Die Papiere seien aufgrund mangelden Personals nicht auf dem „gewünschten Stand“.
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    Der normale Kapitalmarkt von Banken und Versicherungen ist staatlich beaufsichtigt und kontrolliert. Daneben gibt es den „grauen Kapitalmarkt“ für Unternehmensbeteiligungen.

    Um Kleinanleger vor verwirrenden Zahlenspielereien und unseriösen Geschäftsleuten zu schützen, müssen auch Anbieter des „grauen Kapitalmarkts“ Standards einhalten. Der Inhalt von Verkaufsprospekten ist vorgeschrieben. Prospekte müssen von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) genehmigt werden.
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    Auf Nachfrage teilt die Bundesanstalt für Finanzdienst-leistungsaufsicht (BaFin) mit, von „Avontuur“ und „Timbercoast“ nie gehört zu haben.

    „Keines der genannten Unternehmen verfügt über eine Erlaubnis. Auch Prospekte für Wertpapiere oder Vermögensanlagen wurden bislang nicht bei uns hinterlegt“.

    Die BaFin ermittelt mittlerweile gegen „Timbercoast“ und „Avontuur“.
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    Credits


    "Deutschlands erstes Fracht- Segelschiff:
    Dubioses Öko- Investment"


    Redakteur:  ⠀  ⠀ Ingo Nathusius

    Produktion: ⠀  ⠀ Freya Helmstätter

    Bildredaktion:  ⠀ Martin Brandt

    Quellen:

    NDRIssuu
    Timbercoast (www.Timbercoast.com, 2018 und www.timbercoast.com, Abruf Mai 2019)
    boerse.ARD.de
    picture alliance / Jörg Sarbach/ dpa
    Imago images


    Impressum von  ⠀  boerse.ARD.de








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    „Mit jedem Schluck unseres gesegelten Rums unterstützen Sie Cargo Under Sail und den Erhalt einer lebenswerten Umwelt!“
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    Auszug aus dem Timbercoast Investoren-Prospekt
    2016, Seite 9:

    "Unsere Reisen sind einmalig in der Abenteuer-
    und Öko-Tourismus-Branche.“


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      Jahr 2016,
      Seite 25-26
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      „Werde Anteilseigner und…
      Erwarte eine gute Kapitalrendite“
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      2016, Seite 9:

      „Wir bieten 10 Trainee- Plätze für Kurz- und Langzeittörns.“
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      Auszug aus dem Timbercoast Investoren-Prospekt. 

      Jahr 2016, Seite 25-26
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      • Ein Kapitän und sein Öko-Großsegler begeistern Funk und Presse. Aber es gibt Schwachstellen: Im Konzept, im Klimaschutz und vor allem in der Finanzierung.

        Bildrechte: ARD, boerse.ARD.de

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