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Geschichte der Weltwirtschaftskrisen

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Seit Menschen Kapital in den Händen halten, gibt es nicht nur geglückte Investments und hohe Gewinne, sondern auch die dunkle Seite des Kapitalismus: Wirtschaftskrisen, Börsencrashs, Arbeitslosigkeit und Armut.

Durch die Jahrhunderte hindurch ähneln sich die Mechanismen, die diese Krisen auslösen. Bereits im Florenz des 14. Jahrhunderts scheitern angesehene Bankiersfamilien, die holländische Tulpenkrise des 17. Jahrhunderts ist ein schönes Beispiel, wie aberwitzig die Gier nach immer höheren Gewinnen enden kann.

Die Internetblase und Finanzkrise ähnelt den historischen Beispielen, aber die Globalisierung sorgt dafür, dass auch Wirtschaftskrisen nicht an Landesgrenzen Halt machen. Damals wie heute spielen Fehlentscheidungen, Träume vom Reichtum, Politik, die Psychologie der Anleger und der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, eine Rolle.

Die Frage ist nur: Lernen wir daraus?

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Peruzzi, Bardi und Acciaiuoli heißen drei der bedeutendsten und reichsten Privatbanken und Bankiersfamilien im Florenz des 14. Jahrhunderts. Zwischen 1343 und 1346 gehen die größten Finanzdienstleister ihrer Zeit bankrott und reißen Europas Finanzplatz Nummer Eins, eben Florenz, in den Ruin.

Die Drei sind Teilhaber der Florentiner Textilmanufakturen, Steuerverwalter des Papstes und Banker des Königs von England. Sie kontrollieren den britischen Wollhandel und wickeln ihre Geschäfte von Griechenland bis England ab. Das ist die gesamte damals bekannte Welt.

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Eine Zeitlang machen die Familien astronomische Gewinne. Ihre Beziehungen zur britischen Krone erweisen sich aber als fatal.

König Edward III. verschuldet sich immer stärker und weigert sich die angehäuften Schulden zurück zu zahlen. Das bringt schließlich auch seine florentinischen Geldgeber zu Fall.

Über die genauen Gründe für den Niedergang wird bis heute spekuliert, doch Historiker sind sich einig, dass letztlich die entfesselte Gier das komplexe Geflecht von Handelsbeziehungen und Geldgeschäften zum Einsturz bringt - mit verheerenden Folgen für die Volkswirtschaften Englands und der Toskana.

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Ähnlich wie später in der Internet-Krise oder der Immobilienkrise basiert der Tulpenwahn auf der Hoffnung ständig steigender Preise und explodierender Gewinne.

Im Holland der 1630er Jahre haben sich die Preise für Tulpenzwiebeln innerhalb weniger Jahre vervielfacht. Für die seltene und besonders begehrte Zwiebel "Semper Augustus" ("Allzeit erhaben") verlangen Händler zu Beginn des Jahres 1637 sagenhafte 10.000 Gulden, fünfzig Mal mehr als nur drei Jahre zuvor. Damit kostet eine solche Zwiebel soviel wie ein Stadthaus an einer vornehmen Gracht in Amsterdam.

Die Entwicklung der Tulpenpreise hat sich komplett von der realwirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt. Am Tulpenmarkt hat sich eine Blase gebildet, deren Platzen unvermeidlich wurde.

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Offizielle Waren-Börsen gibt es nicht. Der Niedergang beginnt Anfang 1637 bei einer Versteigerung in einem Haarlemer Wirtshaus. Keiner der Anwesenden traut sich etwas zu kaufen.

Der Vorgang spricht sich rasch herum und binnen weniger Tage bricht der Handel vollkommen zusammen. Am 7. Februar 1637 stürzen die Preise für Tulpenzwiebel schließlich um 95 Prozent. Fast die Hälfte der Bevölkerung verliert  ihre Ersparnisse.

Dabei gibt es schon zuvor  zahlreiche Warnzeichen für eine Überhitzung. In den Archiven finden sich Fälle von Anlegerbetrug, zwielichtigen Zwischengeschäften und Luftbuchungen. Zwiebeln wechseln mehrmals am Tag den Besitzer, der sie gar nicht zu Gesicht bekommen hat und Floristen verkaufen Tulpen, die sie gar nicht liefern konnten.

Wie auch in heutigen Krisen muss der Staat eingreifen, um Chaos und einen völligen Zusammenbruch der Wirtschaft zu verhindern. Alle offenstehenden vertraglichen Verpflichtungen werden durch Zahlung von 3,5 Prozent des ursprünglichen Preises abgegolten.

Damit beginnt ein Niedergang von dem Holland sich erst Jahrzehnte später erholte.

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König Ludwig XIV. häuft während seiner Regentschaft enorme Schulden an, Frankreich droht der Staatsbankrott. Die Zinsen übersteigen die Einnahmen des gesamten Landes und nach dem Tod des Königs 1715 beauftragt der neue Herrscher Philipp II. den Schotten John Law mit der Staatssanierung.

Dessen revolutionäre Idee: Statt der damals üblichen Gold- und Silbermünzen befürwortet er die Ausgabe eines durch Grund und Boden gedeckten Papiergeldes.

Am 5. Mai 1716 wird John Law bevollmächtigt, eine Bank zu gründen, die wenig später in eine offiziell königliche Bank (Banque Royale) umgewandelt wird. Damit bekommt sie das Recht, mit Rückendeckung der Krone offizielle Banknoten zu drucken. Ein Freifahrtschein für John Law mit fatalen Folgen.

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Denn Law hat zuvor die Handelsgesellschaft Compagnie des Indes Occidentales (CIO) gegründet, die es sich zur Aufgabe macht, die sagenhaften Reichtümer der damaligen französischen Kolonie Louisiana auszubeuten und nach Frankreich zu verschiffen.

Wegen der vermuteten, größtenteils aber der reinen Fantasie entsprungenen Reichtümer aus Amerika, wird das Unternehmen mit einem Grundkapital von 100 Millionen Livre ausgestattet. Um das Geld aufzubringen, macht Law die CIO zu einer Aktiengesellschaft und setzt den Nennwert der Papiere auf je 500 Livre fest.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten heizt sich die Spekulation rasch an, auch weil Law mit Hilfe der selbst gedruckten Geldscheine die CIO immer weiter ausbaut. Bis zum September 1719 steigt der Aktienkurs auf 8.000 Livre.

Auf der am 30. September 1719 stattfindenden ordentlichen Generalversammlung verspricht Law eine Dividendenerhöhung von zwölf auf 40 Prozent des Nominalkapitals. Wenig später steigt der Kurs auf astronomische 18.000 Livre pro Aktie - dem ersten Höhepunkt der so genannten Mississippi-Bubble.

Zahlreiche Aktionäre macht der rasante Kursanstieg misstrauisch. Sie steigen aus, um Gewinne mitzunehmen. Wenige Wochen später hat sich der Kurs mit 9.600 Livre nahezu halbiert.

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Doch Law gibt noch nicht auf. Er kauft rund 100.000 eigene Aktien zurück und erhöht so das Vertrauen der Anleger. Das nötige Kapital beschafft er sich mit den druckfrischen Banknoten der Banque Royale, die damit seit Jahresmitte bereits neue Banknoten in Höhe von 2,1 Milliarden Livre ausgibt.

Doch die zügellose Vermehrung der Geldmenge führt in Frankreich zu einem horrenden Anstieg der Preise von Verbrauchsgütern und Lebensmitteln. Zudem verkaufen ab dem Frühjahr 1720 immer mehr Anleger ihre Aktien, um ihr Geld anderweitig zu investieren, etwa in Immobilien. Damit gerät das Finanzsystem des John Law ins Wanken.

Gleichzeitig beginnt die Bevölkerung, an der Werthaltigkeit der Banknoten zu zweifeln und wechselt sie in Edelmetall um. Die Geldscheine verlieren immer mehr an Wert und die Aktie der CIO fällt unter den Ausgabekurs. Am 11. November 1720 wird die Aktie schließlich vom Handel ausgesetzt, der Kurs fällt in den Keller.

John Law wird des Landes verwiesen. Immerhin werden die Staatsschulden Frankreichs dank der rasanten Geldentwertung deutlich gemindert, jedoch auf Kosten der Anleger.

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Da die britische Krone ihr Weltreich nicht allein aus eigener Kraft erschließen kann, stützt sie sich schon früh auf private Gesellschaften. Für die gewaltigen Erschließungsrisiken entschädigt sie diese mit Handelsmonopolen. Eine dieser Handelsgesellschaften ist die "South Sea Company", der das Recht eingeräumt wird, unentdeckte Inseln in der Südsee in Besitz zu nehmen.

Die scheinbar unermesslichen Möglichkeiten aus den Handelsrechten, die sich auch auf die spanischen Kolonien der Region erstrecken, locken immer mehr Kapital in die Aktie. Mit immer neuen Gerüchten heizen die Direktoren der Gesellschaft die Spekulation zusätzlich an, bis sich der Kurs der Aktie trotz riesiger Kapitalerhöhungen fast verzehnfacht hat.

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Währenddessen nutzen zahlreiche neue Firmen das Aktienfieber, um mit teils völlig sinnlosen Geschäftsmodellen an Kapital zu kommen. Doch schon im Sommer 1720 ist der Südsee-Traum vorbei - die ersten Zweifel am ewigen Reichtum aus fernen Quellen lassen die Kurse dramatisch einbrechen.

Wie zuvor die Niederlande nach der Tulpenkrise hat die britische Wirtschaft an dem Wertverfall schwer zu knabbern.

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Ähnlich wie später beim Internet Ende des 20. Jahrhunderts kommt es in den Jahren 1836 bis 1838 zu einer weltweiten Spekulation mit Eisenbahnaktien, denn Eisenbahnen gelten als die entscheidende Zukunftstechnologie.

Wie schnell die Eisenbahnaktien in diesen Jahren im Wert zulegen, zeigt das Beispiel der ersten deutschen Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth. Zunächst muss die Aktie der "Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft in Nürnberg" wegen Verzögerungen beim Bau der Lokomotive einen Verlust von rund 20 Prozent hinnehmen. Doch nach der Inbetriebnahme der Strecke im Dezember 1835 schießen die Kurse in die Höhe. Innerhalb von nur fünf Wochen legt die Aktie 36 Prozent zu. Am 26. Januar 1836 liegt die Aktie bereits 100 Prozent im Plus, bis Mitte März steigt das Papier um mehr als 300 Prozent. In nur drei Monaten hat sich der Kurs damit verfünffacht.

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In den USA schießen einige Zeit vorher auch Baumwollaktien in die Höhe. Weil viele Kleinanleger zu wenig Geld haben, nehmen sie für den Aktienkauf Kredite auf, welche ihnen vor allem in England großzügig gewährt werden. Dabei unterlassen es die Banken immer häufiger, die Vermögensverhältnisse der Anleger genauer unter die Lupe zu nehmen. Ein fataler Fehler, denn ab Mai 1836 beginnen die Kurse zu fallen. Dabei untersagt die Bank von England ihren Filialen, auf Aktienbanken gezogene Wechsel einzulösen. Dieses Verbot trifft besonders die drei amerikanischen "W-Banken" Wiggins, Wildes und Wilson.

Da viele Anleger und Unternehmen nur noch über wertlose Wechsel verfügen, bricht Panik aus. An den Aktienmärkten kommt eine Abwärtsspirale in Gang, die auch die europäischen Eisenbahnaktien einbrechen lassen. Die Folge ist eine allgemeine wirtschaftliche Stagnation und eine wachsende Armut. Zwar gibt es Ende 1838 eine kurze Wiederbelebung der Wirtschaft, doch bleibt die Konjunktur die nächsten zehn Jahre noch sehr labil.

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Mitte des 19. Jahrhunderts leidet Amerika unter einem hohen Handelsbilanzdefizit. Es sind aber nicht Einfuhren aus China, die das Land überschwemmen, sondern Produkte aus Europa.

Dieses Ungleichgewicht hat zur Folge, dass ständig Gold aus den USA abgezogen wird und sich die Goldreserven massiv verringern. Um die verbleibenden Reserven zu sichern, kommt es im Sommer 1857 zu einer verhängnisvollen Entwicklung.

Die US-Banken (noch gibt es keine Zentralbank) beschließen eine drastische Anhebung der Zinsen. Das hat für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes verheerende Folgen. Große Infrastrukturprojekte der USA wie der Eisenbahnbau, die kreditfinanziert sind, kommen zum Erliegen. Zu allem Übel brechen auch noch die amerikanischen Weizenexporte nach Europa stark ein, so dass viele Farmer in finanzielle Nöte geraten und ihre Schulden nicht mehr begleichen.

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Es bedarf - wie so oft in Krisen - nur eines fallenden Dominosteines, um die gesamte Volkswirtschaft ins Wanken zu bringen.

Das geschieht am 24. August 1857, als die bis dahin als grundsolide geltende Ohio Life Insurance and Trust Company überraschend Konkurs anmeldet. Die Folge ist ein dramatischer Absturz der New Yorker Börse und zahlreiche Pleiten von Banken und Handelshäusern.

Um die Situation etwas zu entspannen, beschließen die großen Banken, eine größere Menge Gold aus Kalifornien als Sicherheitsreserve an die Ostküste zu bringen. Doch das Schiff gerät in einen Hurrikan und sinkt mit seiner gesamten Fracht.

Die Nachricht löst in der Finanzwelt Panik aus und führt im Oktober 1857 zu erneuten Crashs an der Wall Street.

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Auch Europa ist rasch von der Krise betroffen. Besonders Großbritannien und Skandinavien müssen wegen ihrer engen Handelsbeziehungen zu den USA heftige Einbußen hinnehmen.

In Deutschland muss besonders Hamburg Federn lassen. Die dortigen Banken bekommen ihre Kredite nicht mehr zurück bezahlt. Im Dezember 1857 droht fast allen Hamburger Banken der Konkurs. Quasi in letzter Minute kommt die Rettung. Ein Eisenbahnzug aus Wien, beladen mit Silber, fährt in Hamburg ein. Österreich erklärt sich bereit, ein Darlehen in Höhe von 15 Millionen Mark zu übernehmen.

Es dauert gut zwei Jahre bis die Krise in den USA und Europa überwunden ist.

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Zwischen 1863 und 1873 erleben Europa und die USA außergewöhnlich prosperierende Jahre. Bahnbrechende Erfindungen in der Stahlerzeugung haben Eisenbahn- und Städtebau beflügelt. Amerikanische und österreichische Eisenbahnaktien und -anleihen sind bei den Anlegern die größten Renner. Doch der Boom steht auf tönernen Füßen. Er basiert vor allem auf einer Geldmengenvermehrung, ausgelöst durch einen beispiellosen Kreditboom.

Die Immobilien- und Aktienpreise steigen jahrelang in die Höhe. Zudem kommt es besonders bei der Eisen- und Stahlproduktion zu einer immensen Überproduktion. Als dann im Frühsommer 1873 in Wien eine der größten Banken Europas ihr Börsengeschäft abrupt einstellt und alle Kreditlinien kündigt, bricht das Kreditkartenhaus zusammen. Weitere Bankpleiten folgen in ganz Europa.

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Im Herbst 1873 erreicht die Krise mit dem Zusammenbruch der Bank des großen amerikanischen Eisenbahnbauers Jay Cooke auch die USA - und schwappt von dort zurück nach Europa, da viele Banken amerikanische Eisenbahnaktien und -anleihen kaufen.

Hunderte Banken brechen zusammen, die Aktienmärkte verlieren 60 bis 75 Prozent ihres Wertes. Die Arbeitslosenquote steigt in den USA und Europa auf 20 bis 30 Prozent. Es ist die erste weltweite Kreditkrise, die auch die Realwirtschaft in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß in die Misere stürzt.

Es kommt zu Streiks und Unruhen. Trotz der engen internationalen Verflechtung gibt es keine koordinierte Aktion der Staaten und Nationalbanken. Deutschland reagiert mit der Einführung von Schutzzöllen. Es dauert schließlich über vier Jahre bis sich die Weltwirtschaft erholt und noch 12 weitere Jahre bis alle Krisenerscheinungen überwunden sind.

Es folgt aber auch eine sozialpolitische Wende: Die Gründerkrise und das Elend vieler Menschen erzwingt die Einführung der Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung im Kaiserreich.

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Nach Jahren wirtschaftlicher Expansion kommt es 1906 und 1907 an den amerikanischen Börsen zu gewaltigen Rückschlägen, die das Finanzsystem ins Wanken bringen.

Im April 1906 ist es der Schock über die totale Zerstörung von San Francisco, der zu massiven Kurseinbrüchen an der New Yorker Börse führt. Ein Erdbeben beschädigt nicht nur zahlreiche Gebäude, sondern auch die Wasserleitungen der Stadt, so dass sich ein gewaltiger Feuersturm ausbreitet. Die Stadt ist verwüstet. Der Gesamtschaden ist auf die damals gewaltige Summe von 600 Millionen Dollar beziffert.

Es kommt noch schlimmer.

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Der überraschende Einbruch der Aktien der Union Pacific Eisenbahngesellschaft im März 1907 führt zu ersten Erschütterungen an der Börse. Im Juli 1907 kollabiert der Kupfermarkt – mit verheerenden Auswirkungen für die Knickerbocker Trust Company. Die drittgrößte Bank New Yorks hat sich mit Aktien von Kupferminen verspekuliert und gerät in akute Liquiditätsschwierigkeiten. Als sich im Oktober die National Bank of Commerce entscheidet, keine Wechsel der Knickerbocker Trust Company mehr einzulösen, erfasst bald das gesamte Bankensystem Amerikas Panik.

Knickerbocker erlebt einen Ansturm von Kleinanlegern, die ihr Geld abheben wollen. Nach nur drei Stunden müssen die Schalter schließen. Die Bank ist pleite. Ein Kredit des Bankhauses J. P. Morgan und Garantien des amerikanischen Schatzamtes beenden die Krise nach wenigen Wochen. Dennoch gleitet die Volkswirtschaft 1908 in eine scharfe Rezession, von der sie sich erst ein Jahr später wieder erholt.

Eine Regulierung der Finanzmarktgeschäfte sowie eine funktionierende Aufsicht fehlen. Eine rasche Liquiditätshilfe durch eine Zentralbank hätte den Konkurs von Knickerbocker verhindert und auch, dass sich die Panik auf andere Banken ausbreitet. Als Lehre aus diesem Debakel wird 1913 das Zentralbank-System Federal Reserve System gegründet.

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Die Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Weltkrieg gehört nicht nur politisch zu den brisantesten Phasen der Weltgeschichte, in diesen Jahren kommt es auch zum bis dahin schlimmsten wirtschaftlichen Niedergang.

Deutschland ist am schwersten getroffen. Die Arbeitslosigkeit steigt auf bis zu 23 Millionen Menschen an. Das ist ein Drittel der Bevölkerung. Des Weiteren kommen die Nationalsozialisten an die Macht. Hohe Inflation und Instabilität kennzeichnen die frühen 20er Jahre.

Auslöser sind die horrenden Reparationsforderungen der Alliierten an Deutschland, von 132 Milliarden Goldmark, sowie 26 Prozent des Wertes seiner Exporte.

Zwar gelingt es der Wirtschaft sich wieder zu fangen, so dass diese Zeit später sogar als die "Goldenen Zwanziger" bezeichnet wird. Doch der Euphorie folgt ein steiler Absturz, von dem sich Europa und die USA erst nach dem zweiten Weltkrieg erholen.

Anfang 1929 gibt es vor allem in Amerika erste Anzeichen für eine konjunkturelle Wende. Besonders die zuvor boomende Landwirtschaft schlittert durch stark fallende Preise in eine Krise. Erste massive Kursrückgänge an der New Yorker Börse im Juni und September 1928 werden noch ignoriert und der Kaufrausch an den Aktienmärkten setzt sich fort.

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Am 3. September 1929 erreicht der Dow Jones-Index schließlich mit 381,17 Punkten ein neues Allzeithoch. Damit haben sich die Kurse seit dem Überschreiten der 200er-Marke im Jahr 1927 nahezu verdoppelt.

Doch dann wendet sich das Blatt. Zwischen dem 19. September 1929 und dem 13. November stürzen die Kurse an der Wall Street um sagenhafte 47 Prozent auf das Niveau von Juli 1927 ab. Allein am 24. Oktober 1929 brechen die Kurse an der New Yorker Börse um 12,4 Prozent ein. Der Tag ist zwar ein Donnerstag, wird aber gern als "Schwarzer Freitag" bezeichnet, weil die Nachrichten über den Aktienkollaps erst am 25. Oktober in Europa eintreffen, wo die Kurse anschließend ebenfalls auf Talfahrt gehen.

Danach geht es Schlag auf Schlag.

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Von den USA breitet sich die Krise auf die ganze Welt aus. Grund sind die riesigen Gläubigerpositionen der US-Banken. Allein in Deutschland beläuft sich bis 1929 das Gesamtvolumen ausländischer - hauptsächlich amerikanischer - Kredite auf 15,7 Milliarden Reichsmark. Und dieses Geld fordern die US-Banken nun zurück, weil der Börsencrash und der Run der Menschen auf ihre Ersparnisse einen weltweiten Geldmangel auslösen.

Ökonomen und Politiker stehen der Krise weitgehend ahnungs- und hilflos gegenüber. Statt Liquidität in die Märkte zu pumpen und ein öffentliches Konjunkturprogramm aufzulegen, verschärfen sie die Krise durch Zins- und Steuererhöhungen, sowie durch eine drastische Beschränkung der öffentlichen Ausgaben. Zölle und Einfuhrbeschränkungen werden eingerichtet, um die heimische Industrie vor der ausländischen Konkurrenz zu schützen. Letztlich versperren sie den Unternehmen aber den Zugang zu wichtigen Märkten. In der Folge büßt der S&P 500-Aktienindex bis Juli 1932 85 Prozent seines Wertes ein. Der Dow Jones-Index erreicht seinen Tiefpunkt bei 42 Punkten.


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Ende 1930 erfasst die Krise die Banken. In mehreren Panikwellen heben Kunden massenhaft Ersparnisse ab. Von den insgesamt 25.000 US-Banken werden fast 11.000 geschlossen. Viele Kleinsparer verlieren ihr Vermögen, was die private Konsumnachfrage abrupt dämpft.

Die Wiederbelebung der US-Wirtschaft durch den "New Deal" von Präsident Franklin D. Roosevelt, kann die Krise kaum lindern. 1938 schrumpft die US-Wirtschaft um drei Prozent, die Arbeitslosenrate steigt auf 19 Prozent.

Es soll noch 22 Jahre dauern, bis die Börse wieder auf Vorkrisen-Niveau gelangt.

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1944 schmieden 44 Staaten, unter dem Vorsitz der USA, Pläne für die wirtschaftliche Entwicklung der Welt nach dem Krieg. Die Beschlüsse in dem amerikanischen Bergstädtchen Bretton Woods haben entscheidende Auswirkungen auf den Wiederaufbau Europas und führen letztendlich zum Kalten Krieg, da die Sowjetunion ihre Teilnahme verweigert.

Dabei sollten Fehler - wie die hohen Reparationszahlungen - , die nach dem ersten Weltkrieg gemacht wurden, unbedingt vermieden werden.

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Einer der wichtigsten Beschlüsse ist die Einführung fester Wechselkurse, die nur um ein Prozent nach oben und unten schwanken dürfen. Gleichzeitig gilt der Dollar fortan als Leitwährung des Systems. Das Austauschverhältnis aller an der neuen Ordnung teilnehmenden Devisen orientiert sich am Dollar. Der Wert der US-Währung wird an das Gold gebunden, mit einem festen Kurs von 35 Dollar für eine Unze Gold.

Daneben vereinbaren die Teilnehmer der Konferenz die Gründung des Internationalen Währunsfonds (IWF) und der Weltbank (IBRD). Die sollen das neue System überwachen und unterstützen.

Doch das System gerät ins Wanken als sich Ende der 50er Jahre enorme Dollarbestände im Ausland ansammeln, die die amerikanischen Goldreserven bei weitem übersteigen. Nur mit Mühe gelingt es den USA, den 1944 vereinbarten Dollar-Gold-Kurs zu halten.

Es zeigt sich, dass das System nicht flexibel genug ausgelegt ist. Besonders der wirtschaftliche Wiederaufstieg Europas, allen voran Deutschlands, sowie die höchst unterschiedlichen Wachstumsraten der einzelnen Länder, bringen das starre System immer mehr ins Wanken.

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Anfang der 1970er Jahre erreicht das in Bretton Woods vereinbarte starre Wechselkurssystem seine Grenzen. Als die amerikanische Regierung im Zuge des Vietnam-Krieges immer mehr zur Gelddruckmaschine greift, um ihre Rechnungen zu bezahlen, wird die Welt mit Dollar überschwemmt.

Dies veranlasst die Bundesbank große Mengen von Dollar aufzukaufen und in D-Mark zu tauschen. Die Folge ist eine importierte Inflation.

Als im Mai 1971 die Bundesregierung den Wechselkurs der Mark freigibt, löst sie eine massive Abwertung des Dollars aus. Die US-Währung fällt in den folgenden Wochen um 9,3 Prozent auf 3,32 DM pro Dollar.

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Als nächsten Schritt gibt US-Präsident Nixon am 15. August 1971 die Aufhebung der Dollarkonvertibilität zum Gold bekannt.

Diese Entscheidung erschüttert das Weltwährungssystem bis auf die Grundmauern.

Doch erst knapp zwei Jahre später, im März 1973, wird nach unzähligen Krisen und Gipfeltreffen das System der festen Wechselkurse endgültig aufgegeben. Der Wechselkurs beträgt 2,83 DM je Dollar und tendiert immer noch weiter abwärts. Kurze Zeit später schaffen die Europäer ihr eigenes Wechselkurssystem, die so genannte Währungsschlange. Damit wollen sie die Schwankungen ihrer Währungen eindämmen.

Dieses System mündet schließlich in die Einführung einer gemeinsamen Währung, des Euro.

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Die Entscheidung der Organisation der Erdöl exportierenden Länder (Opec), im Oktober 1973 nach dem Jom-Kippur-Krieg, über die USA und Teile Europas einen Lieferboykott zu verhängen, versetzt die westliche Welt in Schockstarre. Vielen Staaten wird erstmals bewusst, wie stark ihre Industrie von Rohstoffen abhängig ist, auf die sie keinen Zugriff haben und die meist aus Krisenregionen stammen.

Tatsächlich wird Westdeutschland während dieser Krise die Öllieferungen um ein Viertel gekürzt, den Niederlanden und den USA - die als israelfreundlich gelten - dreht die Opec den Hahn sogar ganz zu.

Der Preis für das Fass Rohöl (159 Liter) klettert in bis dahin ungekannte Höhen, von drei Dollar auf fünf Dollar - aus heutiger Sicht unfassbar niedrige Werte. Sie bedeuteten jedoch einen Anstieg um 70 Prozent innerhalb weniger Wochen. Anfang 1974 verteuert sich das Öl ein weiteres Mal, auf nun 12 Dollar pro Fass, vier Mal mehr als noch ein Jahr zuvor.

Die unmittelbare Folge: 1973 und 1974 kommt es zu einem massiven Anstieg der Verbraucherpreise.

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In der Bundesrepublik erreicht die Teuerungsrate jeweils 6,9 Prozent. Neben dem Ölpreisanstieg tragen auch die Lohnsteigerungen zu dieser Entwicklung bei.

Im Februar 1974 erreichen die Gewerkschaften einen Lohnanstieg für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst von zwölf Prozent.

Für die Bundesbank eine unerträgliche Entwicklung. Sie bekämpft die Inflation mit steigenden Zinsen, was die ohnehin schwächelnde Konjunktur endgültig in die Rezession treibt. Denn die hohen Zinsen erschweren die Investitionen in neue Maschinen und führen gleichzeitig zu einer Aufwertung der DM, was den Export belastet. Nach einem Nullwachstum 1974 schrumpft die deutsche Wirtschaft im Jahr danach, auch wegen der restriktiven Geldpolitik, um 1,3 Prozent. Und die Inflation galoppiert weiter bei rund vier Prozent pro Jahr.

Zu der Wirtschaftskrise beigetragen hat auch die Kaufzurückhaltung der Verbraucher. Geradezu geschockt reagieren die Westdeutschen auf die aus heutiger Sicht völlig überzogene Entscheidung der Regierung, im November und Dezember 1973, vier autofreie Sonntage einzuführen.

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Erstmals seit dem Ende des zweiten Weltkriegs kommt es daher zu Produktionsrückgängen und Massenentlassungen in nahezu allen Industriezweigen. Bis zum Jahresende 1974 steigt die Zahl der Arbeitslosen im gesamten Bundesgebiet auf 945.000.

Zwar geht diese Zahl in den folgenden Jahren wieder etwas zurück, doch kann sich der Arbeitsmarkt von dieser Krise nie mehr völlig erholen.

Auch in den anderen Staaten Europas und in den USA kommt es zu massiven Einbrüchen der Wirtschaft.

Die Zäsur des Jahres 1973 lässt sich zudem an einem anderen weltweiten Ereignis festmachen: Das 1944 in Bretton Woods beschlossene System fester Wechselkurse wird endgültig zugunsten frei handelbarer Kurse aufgegeben.

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Der Preis für die größere Freiheit der Märkte nach dem Zusammenbruch des Bretton Woods-Systems ist eine ganze Kette von Finanzkrisen. Mitte der 80er-Jahre beschert die Welle der Deregulierung und Privatisierung den Anlegern gewaltige Zuwächse an den Börsen. Steigende Zinsen, die wachsenden Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft, besonders das hohe amerikanische Außenhandelsdefizit, und Inflationsängste bringen die Hausse schließlich zum Stillstand.

Zwischen August und Oktober 1987 büßt der Dow Jones bereits ein Fünftel seines Wertes ein. Doch was sich am Montag, den 19.Oktober 1987, ereignet, stellt alle bisherigen Krisenszenarien in den Schatten. An diesem Tag verliert der Dow Jones Index 508 Punkte oder 22,6 Prozent seines Wertes, der größte Tagesverlust in der Geschichte.

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Er übertrifft selbst den Crash vom 24. Oktober 1929 mit einem Minus von mehr als zwölf Prozent, der als Auslöser der großen Depression der 30er-Jahre betrachtet wird.

Nicht die plötzliche Panik der Anleger ist die Ursache für den steilen Absturz der Aktienkurse. Diesmal bestimmt die völlig unzulängliche Technik das Ausmaß der Krise. Die Handelssysteme sind schlicht unfähig, das enorme Auftragsvolumen zu bewältigen. Die Drucker, die die telefonisch übermittelten Aufträge ausdrucken, sind überfordert, die Telefonleitungen überlastet.

An der New York Stock Exchange werden Aufträge erst mit einer Stunde Verspätung bestätigt, was bei den Händlern zu großer Verwirrung führt: Sind limitierte Aufträge bereits ausgeführt oder müssen neue Limits gesetzt werden? Der Überhang an Verkaufsaufträgen und die computergesteuerten Verkaufsprogramme zur Kursabsicherung führen auf diese Weise zu einem sich selbst verstärkenden Preisverfall. Verkaufsorders lösen Stoppkurse aus, die automatisch wieder neue Verkaufsorders generieren.

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Die US-Börsen schließen an drei Tagen jeweils zwei Stunden früher, nur damit die Börsenbetreiber das enorme Handelsvolumen abrechnen können.

Der Notenbankpräsident Allen Greenspan reagiert richtig. Statt wie in der Krise von 1929 mit höheren Zinsen und damit einer Verknappung des Geldes zu reagieren, versorgt die US-amerikanische Notenbank Fed den Markt mit Liquidität durch Ankäufe von Staatsanleihen in Milliardenhöhe. Die Aktienkurse geben am 20. Okober 1987 zwar noch einmal nach, doch danach stabilisiert sich der Markt. In den folgenden Monaten kommt es weltweit zu einer Senkung der Leitzinsen. Das Gesamtjahr 1987 schließt die Wall Street sogar mit einem Kursplus ab.

In den folgenden fast 20 Jahren an der Spitze der Fed hat Greenspan auf Börsenkrisen immer wieder nach diesem Muster - Zinssenkungen und Liquiditätszufuhr - reagiert.

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Hohe Wachstumsraten zwischen fünf und neun Prozent bringen in den 90er-Jahren vielen asiatischen Ländern wie Thailand, Südkorea oder Malaysia den Titel der Tigerstaaten ein. Doch das Wachstum beruht zum großen Teil auf einer völlig überzogenen Ausweitung des Kreditvolumens, der teilweise um acht bis zehn Prozent über dem Wachstum der Realwirtschaft liegt.

Eine mangelnde Bankenaufsicht führt dazu, dass Banken faule Kredite anhäufen und sich im Ausland kurzfristig verschulden. Außerdem wird ein immer größerer Teil der Gelder zum Kauf von Aktien und Immobilien eingesetzt. Dadurch bildet sich eine spekulative Blase, die schließlich 1997 platzt.

Zudem hat die 30prozentige-Abwertung des Yen gegenüber dem Dollar zwischen 1995 und 1997 zu einer drastischen Aufwertung der Dollar-gekoppelten asiatischen Währungen geführt. Damit verschlechtert sich die Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder drastisch.

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Im Juli 1997 hebt die thailändische Regierung die Bindung der eigenen Währung, des Baht, an den Dollar auf. Es kommt zur Katastrophe. Der Baht stürzt innerhalb kürzester Zeit um 18 Prozent gegenüber dem Dollar. Die Börse in Bangkok bricht in den kommenden zwei Jahren um 85 Prozent ein und das Land wird zahlungsunfähig, denn durch die Abwertung steigen die Auslandsschulden Thailands sprunghaft.

Diesem Sog können sich auch die Nachbarländer Südkorea, Malaysia und Indonesien nicht entziehen. Auch dort kommt es zu massiven Kursverlusten an den Börsen sowie zu einer gewaltigen Kapitalflucht. Kurze Zeit nach der Baht-Abwertung gerät auch die malaysische und die philippinische Währung unter Druck. Dies führt dazu, dass auch andere Währungen wie der Singapur- oder der Hong-Kong-Dollar abwerten.

Verschlimmert wurde die Krise dadurch, dass die ausländischen Banken eiligst ihre meist nur kurzfristig gewährten Kredite zurückfordern. Die Krise erschüttert auch die deutschen Banken. Sie haben sich besonders in Südkorea engagiert und dort bis Mitte 1997 Darlehen in Höhe von sechs Milliarden Euro vergeben.

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IWF und Weltbank greifen ein

Ein Zusammenbruch der Wirtschaft in den Tigerstaaten wird nur verhindert, weil der internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank mehrere große Hilfspakete beschließen. Die Weltbank gibt den Tigerstaaten mit einem Volumen von insgesamt 28,6 Milliarden Dollar die höchste Kreditzusage ihrer Geschichte.

In der Region kommt es zu einer heftigen Rezession. Millionen von Menschen verlieren ihre Arbeit. In den USA und Europa fallen die wirtschaftlichen Folgen eher gering aus, denn dort hat ab 1998 das große Interesse an Technologiewerten eingesetzt.

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Technologische Innovationen können zu Spekulationsblasen führen. Das lehrt nicht nur die Geschichte der Eisenbahnaktien im 19. Jahrhundert, sondern auch die in den 90er Jahren erstehende "New Economy".

Die Entwicklung des Internet und des Mobilfunks führt zur Gründung immer neuer Unternehmen und schürt die Erwartung hoher Gewinne. Die Kurse steigen und steigen, Analysten werden nicht müde, Aktien der neuen Firmen zu empfehlen, und die Anleger träumen davon, rasch Millionär zu werden und mit 35 Jahren bereits in Rente zu gehen. Der Boom wird zur so genannten Dotcom-Blase.

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Auslöser für die Entwicklung ist der Börsengang der Deutschen Telekom im November 1996. Durch den anfänglichen Erfolg mit der T-Aktie ermutigt, versuchen viele Anleger ihr Glück nun auch mit anderen Aktien. Das führt dazu, dass der DAX wenige Wochen später, am 17. Januar 1997 erstmals die 3.000 Punkte knackt.

Am 10. März 1997 startet die Deutsche Börse nach dem Vorbild der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq mit einer neuen Handelsplattform für die neuen Unternehmen, namens "Neuer Markt".

Wie kein anderes Unternehmen für den Auf- und Abstieg dieses Segments steht dabei der Filmrechtehändler EM.TV. Binnen eines Jahres steigt der Kurs dieses Unternehmens um das 100fache. Aus 10.000 D-Mark wird eine Million. Auch andere Unternehmen wie Mobilcom oder Pixelpark erleben binnen weniger Monate rasante Kurszuwächse. Auch der Dax profitiert.

Am 8. Juli 1997 erreicht der Leitindex erstmals die 4.000er Marke, am 30. Juli 1997 steht er bei 4.458.

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Doch dann kommt der 15. September 2000. Die erste Firmenpleite am Neuen Markt wird bekannt. Der Internetdienstleister Gigabell wird vom Handel ausgesetzt. Weitere Horrormeldungen folgen Anfang Dezember 2000, als EM.TV die Anleger mit einer drastischen Gewinnwarnung schockt. Statt dem prognostizierten EBIT von 525 Millionen Mark sollen im Jahr 2000 nur noch 50 Millionen erreicht werden. Damit platzt die Blase.

Der Wert des Dax fällt von 8.000 Punkten im Jahr 2000 auf 2.400 im Jahr 2003. Im gleichen Jahr wird der Neue Markt schließlich aufgelöst. Seinen damaligen Höchststand erreicht der Dax erst wieder vier Jahre später - und da befindet sich die Welt bereits in der nächsten Krise.

Wirklich verhindern lassen sich solche Spekulationen nach Ansicht vieler Ökonomen nicht. Und das sei auch nicht notwendig, sagen sie. Denn wer die Anleger davon abhalte, Geld in neue innovative Unternehmen zu investieren, verhindere, dass diese Unternehmen überhaupt entstehen.

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Begonnen hat die Finanz- und Wirtschaftskrise in den USA. Die Notenbank Fed senkt nach dem Platzen der Dot.com-Blase sowie den Terroranschlägen des 11. September 2001 den Leitzins bis Mitte 2004 von 6,5 Prozent (Anfang 2001) auf nur noch 1,0 Prozent.

Bis Mitte 2007 ziehen die Währungshüter die Zinsschraube zwar wieder kräftig an, aber die Politik des billigen Geldes hat ihre Wirkung längst erreicht: Die US-Wirtschaft sowie die meisten anderen Volkswirtschaften in Europa und Asien legen bis 2007 kräftig zu. Die Arbeitslosigkeit geht zurück und die Finanzmärkte schwelgen in Euphorie.

Als wichtigstes Zugpferd erweist sich neben dem privaten Konsum vor allem der Wohnungsbau. Die niedrigen Zinsen bei gleichzeitig steigenden Immobilienpreisen führen zu einem rasanten Anstieg der Kredite, vor allem in den USA. Dabei erhalten auch Personen und Firmen ein Darlehen, die wegen ihres niedrigen Einkommens und ihrer fragilen finanziellen Situation eigentlich kein Geld hätten bekommen können.

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Doch die Bankenaufsicht erkennt das Problem nicht und die Kreditinstitute versuchen mit einem Griff in die Trickkiste, immer neues Eigenkapital zur Verfügung zu stellen, um zusätzliche Kredite vergeben zu können.

Sie schnüren gefährdete und hochriskante Kredite mit "gesunden" Darlehen zu einem gemeinsamen Paket und verkaufen (verbriefen) dieses als innovatives Finanzinstrument an Versicherungen, Hedge-Fonds und andere Bankhäuser. Meist erhalten die "Verbriefungen" auch noch ein Gütesiegel der großen Ratingagenturen. Die vergeben oftmals sogar Bestnoten (AAA) – und verleihen den Krediten damit den Anschein der Unbedenklichkeit und Seriosität. Viele deutsche Landesbanken, aber auch andere namhafte private Bankkonzerne aus dem In- und Ausland, fallen darauf herein.

Zwei Jahre lang geht alles gut, doch dann mutieren viele Kreditpakete zu lebensbedrohlichen Zeitbomben. 2007 beginnt die Immobilienblase in den USA zu platzen – und viele Hausbesitzer müssen plötzlich höhere Zinsen zahlen. Dieser Forderung können viele aber nicht nachkommen, weil ihr Einkommen zu niedrig ist. Gleichzeitig verlieren ihre Häuser an Wert.

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Nun ist die Rede von der "Subprime-Krise", ausgelöst von untergeordneten, schlecht abgesicherten (subprime) Darlehen.

Eine Kettenreaktion setzt ein: Die Immobilienpreise beschleunigen ihre Talfahrt, die Bauinvestitionen brechen ein und die Verbraucher geben weniger Geld aus. Gleichzeitig müssen die Banken immer mehr Kredite abschreiben, Verluste entstehen. Dadurch sinkt das Vertrauen der Kreditinstitute untereinander.

Im Sommer 2007 schwappt die Krise nach Deutschland. Ende Juli meldet die Düsseldorfer Bank IKB eine "existenzbedrohende Schieflage". Sie wird aber vom Staat mit mehreren Milliardenhilfen am Leben gehalten, weil nach Aussage der Politiker eine Pleite der eigentlich auf die Finanzierung mittelständischer Unternehmen spezialisierten Bank das ganze deutsche Finanzsystem ins Rutschen bringen würde. Wenige Wochen später, im Herbst 2007, gerät die SachsenLB, die einzige ostdeutsche Landesbank, in Schwierigkeiten. Auch sie hat sich auf dem amerikanischen Markt mit Hypothekenkrediten eingedeckt, die sich nun als wertlos erweisen. Doch wie die IKB gilt die SachsenLB als "systemrelevant" und wird vom Steuerzahler gerettet.

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2008 spitzt sich die Krise weltweit deutlich zu. Die Abschreibungen auf nicht mehr bediente Hypothekenkredite werden immer höher und lassen die Liquiditäts- zu einer Solvenzkrise anschwellen. Die Banken gewähren sich gegenseitig kaum noch Kredite, obwohl die Notenbanken weltweit ihre Leitzinsen in Windeseile herunterschrauben. Dennoch schießen die Zinsen am Interbankenmarkt in die Höhe und treiben damit immer mehr Kreditinstitute an den Rand des Zusammenbruchs.

Aus der Immobilienkrise ist eine weltweite Bankenkrise geworden. Bereits Mitte Januar 2008 erhält die deutsche Bankenaufsicht erste Hinweise auf eine "liquiditätsseitige Anfälligkeit" des Münchner Immobilien- und Staatsfinanzierers Hypo Real Estate (HRE). Die mit der Kontrolle betrauten Behörden BaFin und Bundesbank beobachten die Lage des Instituts, schreiten aber nicht ein.

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Dann geschieht das Unfassbare: Am 15.September 2008 muss die viertgrößte Investmentbank der USA, Lehman Brothers, Konkurs anmelden. Gleichzeitig rettet sich die Nummer drei der Branche, Merrill Lynch, in die Arme der Bank of America. Zudem kündigt der weltgrößte Versicherer AIG an, sich von Beteiligungen trennen zu wollen, weil er frisches Geld braucht. Die Welt ist geschockt. Der Zusammenbruch von Lehman führt dazu, dass der Interbankenmarkt völlig zum Erliegen kommt – mit verheerenden Folgen für die deutsche HRE.

Bereits Ende September, nur zwei Wochen nach der Lehman-Pleite, steht der größte europäische Hypothekenfinanzierer vor dem Zusammenbruch. Weil die Bank mit einer Bilanzsumme von 400 Milliarden Euro und ihrer herausragenden Stellung auf dem deutschen Pfandbriefmarkt rasch als systemrelevant eingestuft wird, eilt ihr der Staat zu Hilfe. Mittels mehrerer Stützungsaktionen kann die HRE vor der Insolvenz bewahrt werden. Der Bund wird ihr einziger Aktionär und zahlt dafür einen hohen Preis: Am Ende sind mehr als 100 Milliarden Euro nötig, um die Bank am Leben zu erhalten.

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Auch in den anderen großen Industrieländern beschließen die Regierungen gigantische Stützungsprogramme für ihre Banken. Allein die US-Regierung stellt 700 Milliarden Dollar zum Ankauf von Anleihen und gefährdeten Krediten zur Verfügung. Gleichzeitig pumpen die Notenbanken gewaltige Liquiditätsmengen in den Markt und senken die Leitzinsen nahe Null, um das weltweite Finanzsystem vor dem Kollaps zu bewahren.

Trotzdem erfasst die Bankenkrise die gesamte Weltwirtschaft. Bis zum Frühjahr 2009 kommt es weltweit zu einer bis dahin beispiellosen Stornierung von Aufträgen. Erst im Laufe des zweiten Quartals 2009 zeichnet sich eine Erholung ab. Im Sommer 2009 steigen die Auftragseingänge und die Industrieproduktion wieder. Besonders in China und Indien, aber auch in Brasilien geht das Wirtschaftswachstum weiter.

Wegen der gestiegenen Ausfallrisiken und knappen Eigenkapitals halten sich die Banken mit der Vergabe von Krediten zurück. In den USA schwächt die hohe Arbeitslosigkeit von zehn Prozent den privaten Konsum. Dennoch setzt sich die wirtschaftliche Erholung fort, allerdings langsamer als erwartet.

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Kaum ist die vorherige Krise einigermaßen überwunden, folgt die nächste Krise: Die griechische Regierung korrigiert im Oktober 2009 ihre Neuverschuldung drastisch nach oben. Ratingagenturen stufen Griechenlands Kreditwürdigkeit herab. Der Euro-Kurs bricht ein.

Das hochverschuldete Land steuert auf einen Staatsbankrott zu und bittet im Mai 2010 um Hilfen der EU. Der Internationale Währungsfonds sowie die Euro-Länder billigen daraufhin einen 110 Milliarden Euro Hilfskredit und beschließen einen Fonds zur Rettung kriselnder Euro-Mitglieder. Dieser sollte in den kommenden Monaten für einige andere europäische Länder von Bedeutung sein.

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Im November 2010 bittet auch Irland um Finanzhilfe, wodurch ein 85 Milliarden Euro schweres Hilfspaket folgt. Fünf Monate später gibt Portugal an, seine Schulden nicht mehr in den Griff zu bekommen. Durch ein 78 Milliarden Euro Kreditpaket wird das Land vor dem Staatsbankrott bewahrt.

Währenddessen kommt Griechenland noch immer nicht auf einen grünen Zweig. Im Juli 2011 folgen weitere Hilfsgelder in Höhe von 109 Milliarden Euro. Nur drei Monate später beschließt der EU-Gipfel einen Schuldenschnitt von 50 Prozent. 2012 werden mit Zinserleichterungen und längeren Darlehenslaufzeiten weitere Rettungsmaßnahmen für Griechenland vereinbart. Die Lage ist brisant. Das Land muss zeitweise über 25 Prozent Zinsen für seine Staatsanleihen zahlen.

Auch in anderen europäischen Staaten wie Italien, Spanien und Zypern spitzt sich die Lage zu. Vor allem in Zypern droht Ansteckungsgefahr, denn die Banken sind an den im Wert fallenden griechischen Anleihen stark beteiligt. Ohne Hilfsmaßnahmen droht der Insel aufgrund zahlungsunfähiger Banken, der Staatsbankrott. Es folgen Hilfen in Höhe von zehn Milliarden Euro.

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Erst 2014 hellt sich die Lage auf. Nach harten Sparmaßnahmen können Irland, Spanien und Portugal auf weitere Hilfen verzichten. Portugal möchte seine erhaltenen Kredite bis 2038 zurück zahlen.

Doch 2015 trübt Griechenland die Stimmung erneut. Das hoch verschuldete Land benötigt zur Rückzahlung der Kreditraten frisches Geld. Folglich wird im Sommer ein drittes Paket mit bis zu 86 Milliarden Euro vereinbart.

Die Schuldenkrise scheint noch nicht vom Tisch. Griechenland steckt mit einer Arbeitslosenrate von 22,5 Prozent (März 2017) und einer Staatsverschuldung in Höhe von 179 Prozent des BIP immer noch tief in der Krise.

Zum Vergleich: Deutschlands Staatsverschuldung liegt 2016 bei lediglich 68,3 Prozent.

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ist eine Produktion von boerse.ARD.de.

Autor: Lothar Gries

Bildredaktion und Grafik: Hannes Möller

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