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Herr Lehmann sucht das Glück

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Das New Yorker Bankhaus Lehman Brothers war einst eine ehrwürdige Institution. Die Investmentbank war eine der besten und größten ihres Fachs. Bis 2008, als der Gigant der Bankenbranche geräuschvoll in sich zusammenbrach und so viele andere Banken in den Abgrund riss - ja gar die ganze Weltwirtschaft in die Krise stürzte. Lehman wurde zum Symbol der Finanzkrise. Der Name steht heute nur noch für Kasino-Kapitalismus. Nichts ist übrig von dem Glanz vergangener Tage.

Ein Streifzug durch mehr als 150 Jahre Lehman-Geschichte, die nicht etwa im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ihren Anfang nahm, sondern in Deutschland.

Mit Herrn Lehmann.



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Eigentlich waren es drei Lehmanns, die den Grundstein für das spätere Bankhaus Lehman Brothers legten: Hayum, Mendel und Maier Lehmann, drei Söhne des Viehhändlers Abraham Löw Lehmann, der insgesamt zehn Kinder hatte. Sie erblickten in dem kleinen fränkischen Örtchen namens Rimpar das Licht der Welt. Heute ist hier in der Niederhoferstraße 7 die Rats-Apotheke untergebracht. Eine schlichte Bronzetafel erinnert noch an die wohl berühmteste Familie der Stadt.

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Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft sahen die Lehmann-Brüder im Bayern des 19. Jahrhunderts ihre Chancen alles andere als günstig. Die Gesetze für Juden waren streng, sie durften keinen Beruf erlernen, eine Erlaubnis zur Niederlassung oder zur Heirat war schwer zu bekommen. Tausende junger Menschen wanderten in die USA aus – auch die drei Söhne Abrahams nahmen das Schiff nach Amerika. Ellis Island im Hafen von New York war für Tausende das Tor zur Freiheit.

Als erster sucht Hayum, der älteste der drei Brüder, sein Glück in Amerika. Am 11. Septemer 1844 kommt er mit dem Schiff in New York an. Die Einreiseformalitäten waren zu dieser Zeit noch recht lax. Sei es aus Absicht, oder durch einen Fehler der Einreisebehörde: Aus Hayum wird Henry, und beim Lehmann geht ein N verloren. Er hält sich aber nicht lange auf in New York, schon bald geht es weiter gen Süden.

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Zunächst vedient Henry wie viele emigrierte Juden sein Geld als Wander-Hausierer. Er verkauft Farmerbedarf und Haushaltswaren. Und er hat Erfolg. Er weiß, was die Farmer brauchen. Schließlich war sein Vater Vieh-Händler. In Montgomery im Bundesstaat Alabama lässt er sich nieder und eröffnet einen Gemischtwarenladen: „H. Lehman“. Da steht das H. schon lange für Henry.

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1847 wagt auch Henrys Bruder Mendel (im Bild) die Überfahrt nach Amerika. Er nennt sich hier Emanuel. Er steigt mit in Henrys Geschäft ein, das von nun als „H. Lehman and Bro“ firmiert. Montgomery ist übrigens die Hauptstadt Alabamas - mit rund 6.000 Einwohnern.

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1850 folgt auch der jüngste der drei Brüder, Mayer, in die Vereinigten Staaten. Wieder wird der Laden umfirmiert. Diesmal in: Lehman Brothers. Der Name, der 158 Jahre überdauern sollte. Davon haben die drei Brüder aus dem kleinen unterfränkischen Städtchen natürlich nicht den Hauch einer Ahnung.

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Baumwolle ist der Boomfaktor des Amerikas dieser Zeit. Nicht umsonst spricht man von "King Cotton". In den 1850er Jahren ist es DAS Geschäft der Südstaaaten, was Henry wahrscheinlich nach Montgomery gelockt hat. Ganz in der Nähe seiner Heimat - in Mainz - ist ein Textilzentrum.
 
Das kleine Lädchen der Lehman Brothers in Alabama wächst und wächst. Und es verändert sich: Viele Kunden zahlen ihre Einkäufe mit Baumwolle. So ist es nur folgerichtig, dass die Brüder in den Baumwollhandel einsteigen.

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Innerhalb weniger Jahre wird der Baumwollhandel zum bedeutendsten Geschäftszweig der Lehmans. Schon bald satteln sie komplett auf den Handel mit Baumwolle und Rohstoffen um. Innerhalb weniger Jahre ist aus dem kleinen Hausierhandel ein wichtiger Rohstoff-Händler geworden. Und hieraus entwickelt sich später die Bankierstätigkeit.

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1855 stirbt der älteste Bruder Henry an Gelbfieber. Emanuel übernimmt die Leitung des Familiengeschäft. Als sich das Zentrum des Baumwollhandels aus den Südstaaten nach New York verlagert, zieht Emanuel Lehman mit. Er eröffnet 1858 die erste Zweigstelle von Lehman Brothers in der Liberty Street 119 - nur ein paar 100 Meter von der Wall Street entfernt.

Der Bürgerkrieg bringt einige Widrigkeiten mit sich, weshalb es nicht mehr ohne Partner geht. Die Lehmans verbünden sich mit dem Baumwollhändler John Durr: Fortan heißt die Firma Lehman, Durr & Co.

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Bald schon verlagern die Brüder den Firmensitz komplett nach New York, wo Emanuel 1870 hilft, die New Yorker Baumwollbörse zu gründen. Er sitzt dort bis 1884 im Vorstand. Der Handel mit Rohstoffen floriert. Anfang der 1880er Jahre wird Lehman Mitglied der Kaffee-Börse. Als der Bau neuer Eisenbahn-Trassen boomt und vermögende Amerikaner dort investieren wollen, beginnen die Lehman-Brüder auch den Handel mit Eisenbahn-Wertpapieren.

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1887 werden die Brüder sogar Mitglied der New York Stock Exchange. Anfang des 20. Jahrhunderts steigt Lehman Brothers zu einer der großen Investmentbanken auf, die Firmen an die Börse bringt. Der erste Börsengang, den Lehman begleitet, ist schon 1899 das IPO der International Steam Pump Company.

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Richtig groß wird das IPO-Geschäft aber erst 1906, als sich die Firma mit Goldman Sachs zusammen tut, um Unternehmen an die Börse zu bringen. Emanuels Sohn Philip fädelt das ein, der seit 1887 Partner in der Familienfirma ist. Er erkennt das lukrative Potenzial des IPO-Geschäfts.

Die beiden Banken organisieren den Börsengang des Zigarrenhändlers "General Cigar Co". Schon kurz danach folgt der Börsengang von Sears, damals noch ein Versandhändler.

In den nächsten zwei Jahrzehnten begleitet Lehman fast 100 weitere Emissionen. Viele Male ist Goldman als Partner mit an Bord. Unter den Firmen, die Lehman an die Börse bringt, sind Woolworth, Macy's oder Studebaker, ein angesehener amerikanischer Kutschen- und Autohersteller.

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Philips Sohn Robert – genannt Bobby – steigt in den 1920er Jahren ins Geschäft ein und übernimmt schnell eine Führungsrolle. Er leitet die Firma über 40 Jahre lang: von 1925 bis zu seinem Tod 1969, eine bedeutende Wachstumsphase von Lehman Brothers. Die Bank überlebt auch den Börsencrash von 1929. Dabei halfen kreative neue Finanzinstrumente, mit denen die Bank Kredite zwischen großen Konzernen untereinander vermittelte.

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Bobbys Unternehmensphilosophie basierte auf der Überzeugung, dass der Konsum - und nicht die Produktion - Amerikas künftigen Wohlstand bestimmt. Daher stärkt er mit seiner Firma auch wachsende Industrien, die auf Massenkonsum ausgerichtet sind. Die Autoindustrie zum Beispiel oder die Medienwirtschaft. In den 30er-Jahren hilft die Bank zum Beispiel Paramount auf die Sprünge.

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Nach Bobbys Tod im Jahr 1969 steht erstmals kein Nachkomme der Brüder aus Rimpar mehr an der Spitze der Bank. Zunächst führt Peter Peterson (im Bild) die Bank - recht erfolgreich. Die Bank erklimmt neue Rekorde. Doch dann droht die Firma in internen Machtkämpfen zwischen Investmentbankern und Händlern unterzugehen. Lewis Glucksman geht aus diesen Kämpfen als Sieger hervor und übernimmt die Führung.

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Nur einige Monate nach Glucksmans Aufstieg kommt Lehman aufgrund einer Marktschwäche in Turbulenzen. Einige Partner glauben, man brauche dringend Kapital. 1984 verkauft Glucksman daher die Bank an American Express, um sie zu retten. Vorbei die Unabhängigkeit von Lehman.

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American Express fusionierte Lehman erst mit Shearson, dann 1988 mit Hutton. Doch schon wenige Jahre später ändert der Finanzkonzern seine Strategie: 1993 stößt American Express die so entstandene Firma wieder ab, an die Travelers Group. Die wiederum trennt sich später vom Investmentbanking. Lehman wird 1993 wieder eigenständig - und bekommt auch seinen Namen wieder: Lehman Brothers. 1994 geht Lehman an die Börse. Richard Fuld Jr. übernimmt die Chefposition.

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Die einst armen Emigranten aus Rimpar avancieren im Laufe der Jahre zu einer der bedeutendsten deutsch-jüdischen Dynastien in Amerika. Aus der Familie gingen nicht nur Banker hervor, sondern auch prominente Politiker wie Herbert Lehman, der Sohn von Mayer Lehmann. Er gewann 1932 die Wahl zum Gouverneur von New York.

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Auf ihre Lehmänner sind die Rimparer offenbar stolz. Neben der Eingangstür zur Rats-Apotheke, wo sich das ehemalige Geburtshaus der drei Brüder befand, erinnert eine Bronzetafel an die wohl berühmtesten Einwohner der Stadt. Allerdings wird dort nur Politiker Herbert erwähnt. Kein Hinweis auf die Gründer des Bankhauses, das mit seiner spektakulären Pleite eine weltweite Wirtschaftskrise auslöste.

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Das letzte Kapitel ist das schmerzhafteste. Es beginnt harmlos: Lehman kauft 2007 den zweitgrößten US-Immobilienkonzern Archstone-Smith für 22 Milliarden Dollar. Doch der Fehler ist: Lehman-Chef Richald Fuld (im Bild) legt damit einen verhängnisvollen Schwerpunkt auf den Immobilienbereich. 80.000 Apartments in New York, Kalifornien und anderen Küstenregionen gehören der Bank nun. Noch dazu ist das Timing äußerst ungünstig: Die Immobilienpreise brechen danach um rund 20 Prozent ein. Das sollte sich rächen.

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Die Lehman-Krise erfasst Deutschland - ein Beitrag von Nicholas Buschschlüter, HR-Info, 2009

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Jetzt gibt es dicke Finanzlöcher, die es zu stopfen gilt. In der ersten Jahreshälfte 2008 muss die Bank gleich zwei milliardenschwere Kapitalerhöhungen vornehmen. Trotzdem spitzt sich die Lage im September 2008 zu: Am 10. September verkündet Vorstandschef Richard Fuld einen Milliardenverlust. Geld muss her. Die US-Regierung, die zuvor bereits die Investmentbank Bear Stearns und die Immobilienfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae gestützt hatte, verweigert aber eine Rettung von Lehman Brothers. Das bedeutet das Aus.

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"Das hätte ich nie geglaubt!" - Ein Beitrag von Dorothee Holz, hr-Info, 2009

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Am 15. September erklärt die Bank die Insolvenz nach Chapter 11 des US-Insolvenzrechts. Fast auf den Tag genau 164 Jahre, nachdem Heyum Lehmann zum ersten Mal amerikanischen Boden betrat. Knapp 25.000 Mitarbeitern wird binnen weniger Tage gekündigt. Die Bank hinterlässt nach Schätzungen einen Schuldenberg von 200 Milliarden Dollar. Das Vertrauen der Finanzmärkte in die Bankenbranche ist dahin – und die Welt schliddert in eine globale Finanzkrise.

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Tausende Anleger werden auch in Deutschland um ihr Geld gebracht. Sie kauften die Lehman-Zertifikate, die ihre Bankberater ihnen empfohlen hatten. Als absolut sichere Papiere. Die Wut ist groß und entlädt sich in Protesten.

[Der Staat hilft nur den Banken - den Opfern nicht! Ein Beitrag von Erika Becker, Hessen-Journal, 15.9.2009]

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Stefano Massini, einer der erfolgreichsten italienischen Gegenwartsautoren, schreibt zur Geschichte der Bank das Bühnen-Epos "Lehman Brothers - Aufstieg und Fall einer Dynastie". Er beschreibt die Geschichte einer überaus geschäftstüchtigen Dynastie, die viele Entbehrungen in Kauf nehmen musste, um ihr multimilliardenschweres Imperium aufzubauen - genauso wie die irrsinnigen Auswüchse des Turbo-Kapitalismus.

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Das war die Geschichte der drei Lehmänner, die auszogen, das Glück zu suchen. Vom kleinen unterfränkischen Rimpar, nahe Würzburg, in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Eine Geschichte vom kleinen Wander-Hausierer zum Millionär. Vom Krämerlädchen zum Bank-Imperium, das die Welt 156 Jahre später ins Wanken bringen sollte.

Eine Produktion von boerse.ARD.de

Redaktion: Bettina Seidl

Bildredaktion: Hannes Möller

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