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90 Jahre Schwarzer Freitag an der Berliner Börse

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"Schwarzer Freitag" an der Berliner Börse

Es gibt so einige schwarze Freitage in der Börsenwelt.

Wenn man von DEM „Schwarzem Freitag“ spricht, meint man in der Regel den Börsencrash an der Wall Street 1929, der die Weltwirtschaftskrise auslöste. In Amerika ist er als „Black Thursday“ bekannt, weil dort schon am Donnerstag die Börsenkurse bröckelten, doch hier in Deutschland wegen der Zeitverschiebung eben erst am Freitag. Auch unter dem Label "Black Tuesday" läuft dieser Crash, weil der darauffolgende Dienstag eben noch viel desaströser war.

Dabei hat Deutschland seinen ganz eigenen „Schwarzen Freitag“.
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Der "Schwarze Freitag" am deutschen Aktienmarkt fand zweieinhalb Jahre zuvor statt. Am 13. Mai 1927 an der Berliner Börse.

Die Kurse brechen an diesem Freitag auf einen Schlag um ein Drittel ein. Das damalige Börsenbarometer - der Aktienindex des Statistischen Reichsamtes – verliert an diesem schwarzen Tag 32 Prozent.

Wie konnte es dazu kommen?  
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Die Erinnerungen an die Engpässe des ersten Weltkriegs sind noch frisch. Auch an die Zeiten hoher Inflation, die 1923 in die Hyperinflation gipfelte, als die Menschen mit Millionen ihr Brot kaufen gingen.

Das liegt gerade mal vier Jahre zurück.

1924 kehrt dank der Währungsreform das Vertrauen in die Währung zurück.

Die Wirtschaft fasst wieder Fuß.
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Es beginnt eine – sehr kurze – Zeit des Überflusses, die man später als die Goldenen Zwanziger bezeichnet.

Die Inflation sinkt. Die Löhne steigen. Dank neuer Wirtschaftszweige und revolutionärer Erfindungen wie Radio, Tonfilm und die Fließbandproduktion boomt die Wirtschaft. Ständig drängen neue Unternehmen an den Markt.

Auch wenn diese Jahre richtig „golden“ nur für einen relativ kleinen Personenkreis waren, so werden doch einstige Luxusgüter erschwinglich - dank Fließbandarbeit.
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Der Wirtschaftsboom belebt den Aktienmarkt, in den USA wie auch hier in Deutschland. Immer mehr Unternehmen gehen an die Börse. Durch die Industrialisierung nach dem Ersten Weltkrieg steigt der Börsenhandel sprunghaft.

Jetzt drängen sich täglich bis zu 6.000 Händler in der Berliner Börse. Die teils extremen Kursgewinne locken auch unerfahrene Anleger.

Selbst Arbeiter und Kindermädchen tauschen jetzt Aktientipps aus. Eine „Dienstmädchen-Hausse“, wie es im Börsenjargon heißt, oder auch Hausfrauen-Rally, ist gefährlich. Dann naht der Crash, so die Börsenregel.
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Der Boom lockt viele Spekulanten. Sie kaufen Aktien auf Pump. Entsprechend hoch die Volatilität an der Berliner Börse, der Aktienindex des Statistischen Reichsamtes schwankt enorm.

Er ist so was wie unser heutiger Dax, steht für 300 Unternehmen an der Berliner Börse.

In der ersten Hälfte des Jahres 1924 bricht der Aktienindex um 66 Prozent ein, auf 53 Punkte. Ein halbes Jahr später steht er wieder bei 121 Punkten. 1925 erneut ein Einbruch bis auf 66 Punkte.
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Von Ende 1925 bis Mai 1926 kennen die Kurse kein Halten. Der Aktienindex des Statistischen Reichsamtes verdreifacht sich nahezu. Er klettert bis zum 7. Mai 1927 auf einen wöchentlichen Durchschnittskurs von 186 Punkten.

Die Deutsche Reichsbank verfolgt die Entwicklung mit zunehmender Sorge. Schließlich ist eine Spekulationsblase gefährlich für die Stabilität des Finanzsystems.

Um die Spekulation am Aktienmarkt einzudämmen, fordert die Reichsbank unter ihrem Präsidenten Hjalmar Schacht die Banken auf, Wertpapierkredite zurückzufahren.
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Am 12. Mai 1927 gibt Rechsbankpräsident Hjalmar Schacht dieses Kommuniqué heraus:

„Die Mitglieder der Vereinigung von Berliner Banken und Bankiers (Stempelvereinigung) sind heute untereinander übereingekommen, die zu Report- und Lombardzwecken und zur sonstigen Beleihung von Effekten gewährten Gelder allmählich, aber erheblich herabzusetzen. Sie werden deshalb zunächst die börsenmäßige Report- und Termingelderhergabe bis zur Medio-Juni-Liquidation um 25 % vermindern und an den darauffolgenden Terminen weitere Einschränkungen vornehmen. Der Kundschaft gegenüber wird in gleichem Sinne verfahren werden. Der Anschluss außerhalb der Vereinigung stehender Geldgeber wird erwartet.“ 

Aus: Die Diskontpolitik der deutschen Reichsbank. Dissertation von Jürgen Friedhofen, FU Berlin, 1963 (Druck: Ernst-Reuter-Gesellschaft, Berlin)

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Die bloße Ankündigung hat herbe Folgen. Der Durchschnittskurs des Aktienindex' an der Berliner Börse stürzt schon am Folgetag, am 13. Mai 1927, von 204 Punkte auf 139 Punkte.

Auf einen Schlag werden 32 Prozent des Börsenwertes vernichtet. Genau das, wovor sich die Reichsbank sorgte, tritt ein. Die Blase platzt. Mit fatalen Folgen.
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Mit dem Schwarzen Freitag an der Berliner Börse beginnt eine fünf Jahre dauernde Baisse, die Kurse erholen sich bis zum Ende der Weltwirtschaftskrise nicht mehr.

Aber war es wirklich das Platzen einer Blase? Eine andere Deutungsart ist die, dass sich durch die Kursexplosion nach dem Ende der Hyperinflation die Aktienbewertungen lediglich normalisiert hatten.
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Im Oktober 1929 erschüttert dann der "Schwarze Donnerstag" die New Yorker Börse. Die USA kündigen ihre in großem Umfang an Deutschland vergebenen Kredite, um die plötzlich entstehenden Liquiditätsprobleme zu lösen. Firmen gehen pleite. Etliche Banken hierzulande geraten in Schieflage.

Deutschland erlebt seine erste Bankenkrise.
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1931 bricht die Darmstädter und Nationalbank (Danat-Bank) infolge der Pleite von Europas größtem Wollkonzern, der Bremer Nordwolle, zusammen. Das erschüttert das Vertrauen der Menschen in das gesamte deutsche Bankensystem.

Es folgt ein Bank Run: Überall vor den Banken bilden sich lange Schlangen besorgter Sparer, die ihre Guthaben retten wollen. Es ist Deutschlands erste Bankenkrise.
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Die wirtschaftlichen Folgen sind auch an der Berliner Börse sichtbar. Die Zahl der gelisteten Unternehmen sinkt rapide. Wurden an der Berliner Börse Ende 1926 noch 917 Aktien gehandelt, waren es Ende 1932 nur noch 659.

Der Aktienindex spiegelt die Entwicklung noch deutlicher: Er sinkt im April 1932 zeitweise unter 50 Punkte – deutlich unter das Niveau vom Schwarzen Freitag 1927 und dem großen Crash 1929.

Die beiden Horror-Börsentage gehen in dem langfristigen Chartbild unter - die fünf Jahre Kursverfall von 1927 bis 1932 dominieren.



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Die NS-Zeit erschwert die Tätigkeit der Berliner Börse. Zwar steigen die Aktienkurse infolge der Rüstungskonjunktur im Dritten Reich deutlich.

Aber der Börsenhandel wird immer mehr eingeschränkt. Die Börse verliert ihre volkswirtschaftliche Bedeutung.
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Der Zweite Weltkrieg bringt das Ende der Kursermittlung durch das Statistische Reichsamt, der Aktienindex wird 1943 eingestellt. Er dient aber immer noch für eine längerfristige Rückrechnung unseres heutigen Börsenbarometers Dax.

Am 3. Februar 1945 wird die Börse schwer beschädigt. In den folgenden Kampfhandlungen wird das Gebäude an der Burgstraße – direkt an der Spree - fast vollständig zerstört.
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Heute ist die Berliner Börse eine von fünf Regionalbörsen. Neben Stuttgart, Düsseldorf, Hamburg/ Hannover und München. Die meisten von ihnen führen ein trauriges Nischendasein im Schatten der Deutschen Börse, die mit ihrem Xetra-Handel mehr als 90 Prozent des börslichen Wertpapierhandels dominiert.

Kaum zu glauben: Um 1900 war die Berliner Börse eine der drei größten Börsen der Welt. Bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs 1914 zählte sie mit New York und London zu den drei wichtigsten der Welt. Doch der Glanz dieser Tage ist verblasst, die Bedeutung von einst ist Geschichte.




Eine Produktion von boerse.ARD.de

Redaktion: Bettina Seidl
Bildredaktion: Martin Brandt


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